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Warum es noch lange die #metoo-Debatte braucht

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Ja, wir wissen es. Das Cannes-Festival von voriger Woche ist Schnee von gestern, den wir nicht mehr aufwärmen brauchen. Werden wir auch nicht. Doch auf eine Sache gehen wir noch ein: Asia Argentos Auftritt.

Die 43-jährige italienische Schauspielerin und Regisseurin, die 2017 zusammen mit anderen – vorwiegend amerikanischen – Schauspielerinnen in der New York Times Weinstein wegen Vergewaltigung angeklagt hat, verkündete Folgendes: 

1997 wurde ich von Harvey Weinstein hier in Cannes vergewaltigt. Ich war 21 Jahre alt. Dieses Festival war sein Jagdrevier.
Ich möchte etwas voraussagen: Harvey Weinstein wird hier nie mehr willkommen sein. Er wird in Ungnade leben, ausgeschlossen von einer Gemeinschaft, die ihn früher aufgenommen und seine Verbrechen versteckt hat.
Und sogar heute sitzen unter euch noch welche, die für ihr Verhalten gegenüber Frauen noch zur Verantwortung gezogen werden müssen und die nicht akzeptabel sind in der Filmindustrie. Ihr wisst, was ihr seid, aber vor allem wissen wir, wer ihr seid. Und wir werden es euch nicht mehr erlauben, ungeschoren davon zu kommen.

Nach diesen Worten verließ sie mit erhobener Faust die Tribüne. Diese starke Rede ging durch die Medien und bekam ihre Würdigung. Wieso bringen wir es hier also nochmals?

Weil wir hier aufzeigen möchten, wie in Italien nach wie vor über Opfer hergezogen wird. Asia Argento hat seit vorigem Jahr Vieles zu ertragen. Gleich nach dem Bericht in der New York Times griffen die italienischen Medien die Geschichte auf. Die Schauspielerin wollte sich nach diesem Artikel eigentlich zurückziehen, aber da sofort Polemiken hoch kamen, gab sie weitere Interviews, war in ihren Aussagen klar und deutlich und scheute nicht davor zurück, detailgetreu zu erzählen, was ihr Weinstein nicht nur einmal angetan hat. Und das für sich ist eine Leistung, denn öffentlich den Missbrauch bekannt zu geben, ist, sich nochmals nackt hinzustellen.

Eine Woche danach war in dagospia schon zu lesen, sie hätte eine fünfjährige Beziehung mit Weinstein geführt und sei daher nicht glaubwürdig. Etwas, was sie vehement verneint. Er habe sie verfolgt, sie habe ihn versucht zu vermeiden, wo sie nur konnte, versuchte, ihn nur in Gegenwart anderer zu treffen. Er hätte sie noch ein weiteres Mal alleine erwischt und nochmals vergewaltigt.

Meine einzige Macht nach dieser Gewalt war die, kein Geschenk mehr zu akzeptieren. Zu keinem Casting zu erscheinen, das mir angeboten wurde.

In einem Interview mit La Stampa erzählt sie im Oktober 2017, wie sie darüber schockiert ist, wie in Italien die Opfer kriminalisiert würden, auf Englisch als „victim blaming“ bekannt.

Wie wenig die öffentliche Meinung über Missbrauch und den Umgang damit weiß, zeigten auch die Fragen in La Stampa.

Wieso sie erst nach so vielen Jahren diese Geschichte erzähle? Tatsächlich? Eine 21-jährige Frau wird von einem doppelt so alten, einflussreichen Mann vergewaltigt, nachdem sie schon mit 16 Jahren von einem italienischen Regisseur sexuell belästigt wurde und beschließt zu schweigen? Sagt das mehr über das Opfer oder die Gesellschaft und die Täter aus?

Warum waren all diese Frauen die letzten Jahrzehnte still? Weil Weinstein vielleicht nicht der Einzige war? Sein Verhalten die Norm? Bill Cosby, Kevin Spacey und eine lange Liste von bekannten Männern in der Filmindustrie – und nicht nur – sind seitdem bekannt geworden.

Die #metoo-Bewegung gab Frauen auf der ganzen Welt den Mut, endlich zu sagen, was ihnen widerfahren ist. Bezeichnend ist, wenn dann ein Roman Polanski von der Schweizer Morgenpost überhaupt noch einen Artikel wert ist, wenn er behauptet, dass #metoo nur eine „kollektive Hysterie“ und „totale Heuchelei“ sei, etwas, was immer wieder in der Gesellschaft auftauche und nicht ernst zu nehmen sei. Sagt einer, der 1977 in den USA verurteilt wurde, weil er eine 13-jährige betäubt und vergewaltigt hat und seiner Haftstrafe entflohen ist. Bis heute traut er sich nicht mehr in die Staaten zurück und vermeidet Länder, die ihn ausliefern könnten. Was sagt es über eine Gesellschaft auf, dass Polanski gerade Anfang Mai in Polen seinen neuen Film vorgestellt hat und gemütlich in Frankreich lebt?

Während einer Argento vorgeworfen wird, zu lange still gewesen zu sein und damit nicht vermieden zu haben, dass auch andere Frauen ihr Schicksal ereilten. Jetzt wäre also wieder das Opfer schuld, nicht die anderen gerettet zu haben, nicht der Täter, der munter und fröhlich weiter vergewaltigt und von niemand anderem gestoppt wird??? Sie gibt eine klare Antwort:

Hätten wir vorher gesprochen, hätte man uns Frauen nie geglaubt. Wir wären wie Prostituierte behandelt worden. Wie es auch jetzt in Italien passiert….

Außerdem war sie nicht still. Sie gab ihr Regiedebüt 2002 mit dem Film „Scarlet Diva“. Darin spielt sie selbst eine Frau, die gefragt wurde, ob sie massiert werden möchte, was in eine Vergewaltigung überging. Als sie gefragt wurde, ob sie das selbst erlebt habe, bringt sie auf den Punkt, warum Opfer „schweigen“, sprich: nicht deutlich damit heraus kommen.

Ich habe jedes Mal mit Ja geantwortet, aber niemand hat das übernommen. Ich habe es meinen Freunden unter den Schauspielern, Produzenten und Journalisten erzählt. Auch Freunden, die nicht in dieser Branche arbeiten. Niemand hat etwas gemacht. Weder für mich noch für andere Frauen.

Argento hat in ihrem Interview mit der New York Times auch erzählt, dass Fabrizio Lombardo, Ex-Chef von Miramax Italia, sie zu Weinstein gebracht hätte und sie danach eingeschüchtert habe, nichts zu sagen, weil er nicht nur ihre Karriere vernichten, sondern sie auch als Verrückte und Hure verschreien würde. Bis heute weist Lombardo alles als Lügen zurück. Und da fragt man sie noch, warum sie 20 Jahre „still“ war?

Laut Argento war Weinstein der „drittmächtigste Mann“ in Hollywood und ihr wird – in erster Linie in Italien, weniger, aber doch auch in den Kommentaren ausländischer Medien  vorgeworfen, sie habe freiwillig eine Beziehung mit ihm gehabt. Sie habe sich tatsächlich prostituiert für ihre Karriere. Nun solle sie, da berühmt, ihren Mund halten. Am besten darauf geantwortet hat ein gewisser Carl in einem Kommentar von Variety:

Asia war schon bekannt, bevor sie Weinstein traf. Sonst hätte der sie nie zu einer „privaten Party“ in Cannes eingeladen.
Leute können nicht ignorieren, dass dies eine Vergewaltigung war, nicht ein einvernehmlicher Akt. Weinstein hat sich ihr aufgedrängt.

Sie war jung, eine unerfahrene Schauspielerin.
Sie fühlte sich hilflos, weil er so einflussreich war.
Sie hatte keine Zeugen und keine Beweise.
Sie wollte nicht „Hure“ genannt werden.

[…]
Ich finde, es ist großartig, dass Asia jetzt versucht den Schaden zu beheben, der angerichtet wurde. An ihr und vielen anderen hilflosen Frauen.
Jemand muss es tun.

Bravo, Asia!

Das von einem männlichen Kommentator, der damit jede weitere Diskussion nach dem Artikel beendete!

Derweilen sah sich Argento Anfang Mai diesen Jahres gezwungen, den großmäuligen Filippo Conti von „Grande Fratello 15“ anzuzeigen, der aufgrund des Weinstein-Skandals nur Beleidigungen für das Äußere der Schauspielerin übrig hatte. Schlimm sind die Kommentare unter dem Artikel vom Libero Quotidiano, bei dem in erster Linie wieder nur über sie hergezogen wird. Als der gleiche Mann fast von der Sendung flog, weil er offen zu Tierquälerei stand, gabe es einen Aufschrei in den Medien, aber keinen einzigen despektierlichen Kommentar über ihn. Nein, sogar seine Mutter wurde interviewt, um ihn zu verteidigen.

Dennoch stand Asia Argento am 19. Mai in Cannes auf der Bühne und sprach diese Worte.

Noch weitere Fragen offen, wieso die #metoo-Debatte noch aktuell ist? 

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