„Kunst ist mein versteckter Liebhaber“

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Unsere Frau des Monats März: Sieglinde Tatz Borgogno

Sie ist beides – Susy, die Verrückte, und Sieglinde, die Perfekte. Die renommierte Bildhauerin Sieglinde Tatz Borgogno verrät uns, was Kunst für sie bedeutet und welche Lebensweisheit sie an junge Frauen weiterzugeben hat.

Sieglinde, wie bist du dazu gekommen, Künstlerin zu werden?

Kunst ist für mich atmen können! Frei sein können. Kunst ist mein großer versteckter Liebhaber, von dem eigentlich niemand etwas wissen sollte. In der Kunstschule in Graz bei Prof. Ulf Mayer und Prof. Szyszkowitz weigerte ich mich, die Lehrstunden für Bildhauerei zu besuchen. Mein Argument war: „Das ist nichts für Frauen! Ich kenne nur große Bildhauer – Männer – und da kann und will und brauche ich nicht mitzumachen. Bildhauerei ist nicht Frauensache!“

Das Leben hat mir dann viele „Watschen“ gegeben und ohne, dass ich es wollte, bin ich das geworden was ich bin, bzw. was die anderen denken, meinen oder sagen.

Wie hat sich deine Kunst im Laufe deines Lebens verändert?

Meine Kunst hat sich überhaupt nicht verändert – nur die Techniken sind verschiedener Art geworden. Die hängen von Zeit und Raum und von finanziellen Mitteln ab.

Wie entsteht ein neues Werk?

Überall und fortwährend. Ich sitze ja immer auf einer Wolke und träume. Manchmal müsste ich mir den Kopf einschlagen, da er fortwährend in Bewegung ist, und mir nicht die Ruhe und die Muße gibt, Arbeiten fertig zu machen, zu ordnen, zu signieren und womöglich einen Text dazuzuschreiben.

Welcher Moment im Entstehungsprozess eines Werkes gefällt dir am besten?

Die Spiele im Kopf. Also zwischen den beiden Ohren. Dann muss ich sofort das Material vorbereiten und anfangen. Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, aber ich weiß genau: Entweder sofort anfangen, sonst ist die Idee, die mir jemand im Traum, in einer Blitzsekunde zugeworfen hat, sofort wieder weg. Wichtig ist, nicht zu denken! Es ist unwichtig, was die anderen dazu sagen. Wichtig ist, was meine Seele dazu sagt.

Welche Rolle spielt dein Frau-Sein in deinem Leben und in deiner Kunst?

Ich fühle mich immer an erster Stelle Mensch, oder als Frau und Mann zugleich. Außer in der Zeit, als ich meinen Vater zur Sonntagsmesse begleitete – dort spielte ich mit großem Vergnügen die Grande Dame, wie auf einer Theaterbühne: hohe Stöckelschuhe, Nylonstrümpfe mit schwarzer Naht, Strumpfgürtel, Mieder, sodass mein rundes Bäuchlein einen straffen Halt bekam, Handschuhe, Hütchen mit dazu passender Ledertasche.

So verwandelte ich mich in zwei Personen: Susy – die Verrückte mit den blonden offenen Haaren, die mit den bemalten Jute-Kleidern sich allein vor Morgengrauen irgendwo mit dem Zeichenblock herumtrieb. Und Sieglinde – die Perfekte, die Hausfrau, Lehrerin, Ehefrau, usw.

Vor einigen Jahren hast du in Buchholz bei Salurn deinen wunderschönen Skulpturengarten eingerichtet. Ergänzt du ihn noch immer mit neuen Figuren?

Kurz vor meinem 60. Geburtstag haben Waldarbeiter das Gestrüpp in meinem Wald, also im jetzigen Skulpturengarten, abgeschnitten und da hab ich geholfen, die Äste zusammen zu tragen. Es entstand ein Scheiterhaufen. Hier sollten die Seelen der Kräuterweiber, Hebammen, Hexen und weisen Frauen sich ausruhen können. Ich half Steine zusammenzutragen und es entstanden ein Steinhaufen mit dem Text „Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein“ und eine von der Natur geformte Frauenskulptur. Davon ist wenig übrig geblieben. Übrig ist aus Bronze ein Mahnmal, das aussieht, wie ein alter verfaulter Holzblock mit folgendem Text in der Basis „Was macht man im Namen eines Gesetzes?“

Der Skulpturengarten war mein persönliches Geschenk zu meinem 60. Geburtstag im Jahr 2002. Da ich mich sprachlich nicht wehren konnte, habe ich meine Skulpturen aufgestellt, die mir persönlich Kraft geben. Heute sind dort, laut Inventar der Gemeinde Salurn, 560 Arbeiten, kleine und große, Bronze und Marmor. Der Garten wächst noch immer.

2017 habe ich ein paar Meter Wald dazugekauft und will dort etwas über Musik machen. Seit zwei Jahren gibt es in meinem kleinen Wohnhaus in Buchholz eine „Residenza per Compositori“, es ist die erste Residenz für Komponisten in Italien.

Am 8. März 2013 wurde im Eingangsbereich des Frauenmuseums Meran ein Denkmal errichtet, das an Opfer von Vergewaltigungen erinnert und auf die Aktualität des Themas hinweist. Wie ist es dazu gekommen?

Begonnen hat es damit, dass Antonia Boer Abram zu mir mit dem Satz in die Werkstatt gekommen ist: „Überall stehen Monumente für den gefallenen Soldaten. Wäre es nicht an der Zeit, etwas für die vergewaltigten Frauen zu machen?“

Die Plastik, die ich daraufhin modellierte, zeigt eine Reihe von Häusern. Gewalt herrscht ja oft genau dort, wo eigentlich Liebe und Verständnis, gegenseitige Hilfe herrschen sollte. Wichtig waren für mich auch die zwei sich umarmenden Frauen – in Schmerz und Scham – und das Kind, das mit seinen ausgestreckten Armen um Liebe und Verständnis ringt. Wie sollte dieses Kind Liebe bekommen, wenn es nicht in Liebe gezeugt wurde?

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Gibt es eine Lebensweisheit, die du in den letzten Jahren gewonnen hast, und die du weitergeben möchtest?

Als junge Ehefrau erklärte ich meinen Schülerinnen, wie wichtig es ist, sich jeden Tag ein bisschen Zeit für sich selbst zu stehlen! Ich sagte ihnen: „Wenn Kinder und Ehemann aus dem Haus sind, müsst ihr euch erst sofort 5 Minuten für euch selbst Zeit nehmen. 5 Minuten, um zu lesen, zu schreiben, zu zeichnen, zu tanzen, zu modellieren, etwas für die eigene Seele, für das eigene Bedürfnis zu machen! Etwas, nach dem die eigene Seele verlangt.“

Als gesetzte Dame mit 77 Jahren, die immer noch jung geblieben ist, möchte ich sagen, dass meine Skulpturen auch Dankesgebete an das Universum sind:

Ich danke, dass ich Augen habe zum Sehen der Schönheit und der strahlenden Kinderaugen.

Ich danke, dass ich Gier, Macht, Hass und Neid übersehen kann.

Ich danke, dass ich Füße zum Gehen habe, Hände zum Greifen, ein Herz, um Liebe zu spüren und Ohren zum Hören von Musik, die Erde und Himmel verbindet.

Was bewunderst du?

Liebe und Kraft von den jungen Müttern, die mit Einkaufstaschen und Baby im Arm strahlend lächeln.

Was ist für dich Erfolg?

Mit sich selbst zufrieden zu sein.

Dein Lebensmotto?

Niemandem etwas zuleide tun und die Schönheit der Natur und der Schöpfung zu betrachten.

http://www.tatzborgogno.it/de/

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