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Zum Tag der Menschenrechte

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„Antidiskriminierung und Wiedergutmachung/Heilung ist der einzige Weg zur Umsetzung der Menschenrechte“ – Ivo Passler

Anlässlich des internationalen Tages der Menschenrechte, der am 10. Dezember alljährlich begangen wird, möchten wir heute über das Thema der intersektionalen Solidarität sprechen.

Vergangene Woche am 27. November hat der Verein HRI – Human Rights International gemeinsam mit BLUFINK einen spannenden Workshopabend dazu organisiert. Wir haben Ivo Passler von HRI und Sigrid Prader, der Präsidentin des Vereins und Leiterin des Frauenmuseums, einige Fragen dazu gestellt.

Foto: Sigrid Prader

Sigrid Prader:

Als Leiterin des Frauenmuseums und Präsidentin des Vereins Human Rights International war für mich der Workshop sehr aufschlussreich, denn es braucht Nachholbedarf, denn das herkömmliche Verständnis von Diskriminierung ist zu kurz gegriffen. Im Workshop zu Feminismus und intersektionale Solidarität wurden verschiedene Formen der Diskriminierung besprochen und ergaben, dass der intersektionale Aktivismus neben dem Kampf für die Gleichstellung der Frau immer auch ein Kampf gegen Rassismus, Homophobie und alle anderen Diskriminierungsformen sein muss. Mehrfachdiskriminierte müssen gehört und gestärkt werden. So ergibt sich für mich, dass auch in unserer Arbeit im Frauenmuseum ein Lernprozess zu intersektionalem Feminismus als Handlungsanweisung nach innen und außen erfolgen muss. Das ist ein Lernprozess, der selbstverständlich Offenheit und Toleranz erfordert, sowie den Willen, den eigenen Horizont ständig zu erweitern.

 

Ivo Passler:

Diskriminierung ist ein geläufiger Begriff, aber „intersektionale Solidarität“ sagt den meisten schon weniger. Um was geht es da?

Dass sich viele Menschen in Südtirol bislang mit dem Begriff „Diskriminierungen“ eingehend beschäftigt haben bezweifle ich. Der Begriff Intersektionalität wurde vor ca. 30 Jahren von der afroamerikanischen Anwältin_ Aktivistin Kimberlé Crenshaw geprägt, um auf Mehrfach-Diskriminierungen hinzuweisen, von denen Schwarze Frauen betroffen sind, da sie auf der Schnittfläche zwischen Sexismus und Rassismus leben und dann auch überproportional von Armut betroffen sind. Intersektionalität ist ein Modell von Sozialanalyse für Menschenrechts-Aktivismus, der den Verschränkungen aller Unterdrückungsmechanismen Rechnung trägt und die Solidarität mit allen Befreiungskämpfen fordert.

Erst kürzlich hast du eine Veranstaltung zu diesem Thema organisiert. Kannst du uns mehr dazu sagen und was hat sie gebracht?

Die Veranstaltung haben wir am 27/11 als Verein HRI – Human Rights International gemeinsam mit BLUFINK als Workshopabend organisiert. Wir wollen Diskurse zu Intersektionalität anstoßen, weil wir glauben, dass es in Südtirol noch viel stärkeres Bewusstseinzu und ernste Investitionen in Antidiskriminierung braucht. Ich denke, ein Schritt ist uns wieder gelungen und es haben sich einige wertvolle Kontakte und weiterführende Ideen ergeben. Dieser Prozess muss jetzt weitergehen und wir alle sind dazu aufgefordert uns hierbei zu aktivieren!

In Bildmitte (dritte von links stehend) spricht Dr. Emilia Roig, Gründerin und Geschäftsführerin vom Center for Intersectional Justice, aus Berlin.
Foto: Sigrid Prader
Wie kamst du selbst zu diesem Thema?

Einige Meilensteine: Hauptstudium Kulturanthropologie (UNI Wien), dabei Auseinandersetzung mit post_kolonialen / de_kolonialen Theorien; längere Reisen in ehemalige Kolonialstaaten; Seminare zu feministischer Theorie; schwule Mitbewohner und erstes Solidarisieren mit LGBTQIA+; enger persönlicher Kontakt zu Schwarzen Aktivist*innen und dadurch erste bewusste Auseinandersetzung mit Rassismus und kritischem Weißsein; sozialpädagogische Arbeit mit Menschen mit diversen Beeinträchtigungen und fast zwanzig Jahre Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit; ungefähr seit dem Milleniumswechsel bin ich ehrenamtlich aktiv in diversen Interkultur- und Integrations-Initiativen.

Was ist dein Anliegen dazu in Südtirol

Frieden braucht einen wirklichen Strukturwechsel. In Südtirol ist noch nicht einmal die Antidiskriminierungsstelle errichtet, obwohl längst (!) gesetzlich vorgesehen, siehe LG 28 Okt 2011 / Nr 12. Verdrängen und Ent-Wahrnehmen von Diskriminierungen ist selbst ein Teil von struktureller Gewalt. Bestehende Macht-Halter*innen sehen offensichtlich wenig Interesse daran, Diskriminierungen zu thematisieren, also müssen wir als Menschenrechts-Aktivist*innen drängen. Das wäre ein dringend notwendiger Schritt: das Aufsetzen eines Antidiskriminierungs-Leitplanes für Südtirol, unter professioneller Begleitung. Wir hätten dazu Kontakte zu Fachstellen, etwa zum Center for Intersectional Justice in Berlin.

Was hat deiner Meinung nach dieses Thema mit dem Tag der Menschenrechte zu tun?

Intersektionale Solidarität und Investition in Antidiskriminierung und Wiedergutmachung/Heilung ist der einzige Weg zur Umsetzung der Menschenrechte, wenn diese wirklich für alle Menschen gelten sollen, und eben auch für soziale Gruppen die heute marginalisiert_kriminalisiert_ abnormalisiert werden (denken wir an Diskurse um Menschen mit Fluchterfahrungen und auch sonst alle migrantisierten Menschen, um Muslime, um suchtkranke Menschen, um prostituierte Frauen, um LGBTQIA+ …). Effektiv passiert auf vielen Ebenen momentan das genaue Gegenteil und faschistoide Logiken haben Hochkonjunktur, das kapitalistisch_sexistisch_rassistische System dreht durch. Aber schauen wir immer auf unsere eigene Verantwortung und motivieren wir uns gegenseitig, denn wir alle sind (noch) handlungsfähig:

Organisieren und üben wir intersektionale Solidarität!

Bildquelle: https://www.maxpixel.net/People-March-Woman-Intersectionality-Rally-3142864

 

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