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Simone de Beauvoir reloaded

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Diese Woche startet die Veranstaltungsreihe SIMONE DE BEAUVOIR reloaded. Am Samstag 18. Mai um 10:30, findet im Frauenarchiv/Frauenbibliothek in Bozen die erste von drei Veranstaltung des Philosophischen Tryptichons „Siebzig Jahre „Le deuxième sexe““ statt.

Die Frauengruppe Tanna organisiert diese Veranstaltungsreihe zusammen mit der Brixner Philosphin Esther Redolfi Widmann. Frau Redolfi Widmann hat 2017 mit einer Dissertation zu Simone de Beauvoir an der Universität Innsbruck promoviert und 2018 für dieselbe den Förderpreis für wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Chancengleichheit, der jährlich vom Landesbeirat für Chancengleichheit der Provinz Bozen vergeben wird, gewonnen.

Esther Redolfi Widmann (vierte v. l.) bei der Verleihung des Förderpreises für wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Chancengleichheit
Foto: Esther Redolfi Widmann

Zum Start der Veranstaltungsreihe, haben wir mit Esther Redolfi Widmann ein Interview geführt, um mehr über sie, über Simone de Beauvoir, sowie über die Veranstaltung am Samstag zu erfahren.

Frau Redolfi Widmann, Sie forschen nun schon seit einiger Zeit zu Simone de Beauvoir und haben auch ihre Dissertation über Simone de Beauvoirs existenzialistische Konzeption der Frau geschrieben. Würden Sie uns ganz zu Beginn zunächst erzählen, wann und warum Ihr Interesse an Beauvoirs Denken geweckt worden ist?

Nach meinem Bachelorstudium der Philosophie in Trient, hatte mir mein Professor angeboten, auch die Masterarbeit unter seiner Betreuung zu schreiben. Auf humorvolle Weise hatte er mir diesmal nicht zu einer Abhandlung über Jean-Paul Sartres Werke, sondern zu einer über Simone de Beauvoirs Oeuvre geraten. Seine Worte habe ich so Erinnerung behalten: „Sie sind eine Frau, warum schreiben sie nicht über eine Frau?“ Eine zu Beginn noch pragmatische Entscheidung – ich hatte mich mittlerweile intensiv mit dem französischen Existentialismus, dessen Hauptvertreter/innen eben Sartre und Beauvoir sind, auseinandergesetzt – hat sich als die richtige erwiesen. Und so kam es, dass ich die Philosophin, die Literatin aber auch die Frau Simone de Beauvoir entdeckte, kennen- und liebenlernte.

Was beeindruckt Sie persönlich am meisten an Simone de Beauvoir als Person?

Dass sie vor allem als Mensch bzw. als Frau mitten im Leben gestanden hat. Und dies bedeutet, dass sie alles worüber sie nachgedacht und später geschrieben, auch selbst erlebt hat. Das ist nicht nur meine persönliche Meinung. Beim Lesen ihrer Autobiografien, Romane und Erzählungen ist es, als würden wir Seite an Seite mit Simone de Beauvoir einen Streifzug durch die wahrscheinlich ereignisreichte Zeit in der Europäischen Geschichte (die Philosophin hat von 1908 bis 1986 gelebt) unternehmen.

Beauvoir war eine bildhübsche Frau, die der konservativen Erziehung und den wenigen Chancen, die die Gesellschaft damals den Frauen geboten hat, mit Erfolg getrotzt hat. Sie hat Zeit ihres Lebens und ohne Rücksicht auf Verluste ihren Willen durchgesetzt. Obwohl sie Jean-Paul Sartre in jungen Jahren kennenlernte und er sie auch mehrmals heiraten wollte, hat sie sich nie dazu überreden lassen. Ihre Kinderlosigkeit war gewollt und zugunsten ihrer Freiheitsambitionen geplant. Sie hat den Lehrerberuf zwar als Brotberuf eine Zeit lang ausgeübt, doch sobald sie es sich finanziell leisten konnte, hat sie sich ausschließlich ihrer schriftstellerischen Karriere gewidmet.

Darüber hinaus besteht für mich ein wichtiger Aspekt darin, dass sie als Frau in der damaligen Zeit „nichts hat anbrennen lassen“, d. h. sie ist um die Welt gereist (von den USA bis nach China, Afrika und Japan, um nur einige Reiseziele zu nennen), sie hat leidenschaftlich gern gegessen und getrunken und sie hat auf ihre gekonnt diskrete Weise sowohl Männer als auch Frauen geliebt.

Simone de Beauvoir
Foto: Kristine „Simone de Beauvoir“, CC BY-NC 2.0, https://www.flickr.com/photos/53035820@N02/6878734707
Sie haben 2017 mit einer Dissertation zum Thema „Simone de Beauvoirs existentialistische Konzeption der Frau als Spannungsverhältnis von Freiheit und Situationsgebundenheit in „Das andere Geschlecht“ und „Das Alter““ promoviert. Wie aktuell sind Simone de Beauvoirs Gedanken heute und welche Gedanken, Ansätze oder Thesen haben Sie am meisten geprägt, begeistert oder fasziniert?

Ich denke, dass gerade der Aspekt, den ich in meiner Forschungsarbeit beleuchtet habe, charakteristisch für die aktuelle Situation von uns Frauen ist. Meine Grundthese lautet in Anlehnung an Beauvoirs berühmten Satz „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt„, dass wir Frauen als Spannungsverhältnis von Freiheit und Situationsgebundenheit definiert werden können. Dafür möchte ich sogleich ein großes Missverständnis aus dem Weg räumen: Simone de Beauvoir hat niemals einen biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau geleugnet, ganz im Gegenteil. In biologischer Hinsicht unterscheidet sich ihrer Meinung nach die Frau vom Mann darin, dass das Verhältnis zu ihrem Körper aufgrund einer naturgegebenen Situation, u. a. aufgrund zahlreicher (hormoneller) Brüche (wie z.B. die Menstruation und das Klimakterium) schlichtweg anders ist.

Was die Philosophin aber von sich weist, ist die Existenz einer „weiblichen Natur“ mit all den negativen Konsequenzen, die daraus für die Frau erwachsen: denn eine „Natur“ ist und bleibt eine unabänderbare Determinante. Dabei strebt Beauvoir mit ihrer existentialistischen Grundauffassung danach, aufzuzeigen, dass der Mensch und daher auch die Frau ein Werden, ein Sein, das sich in einer immerwährenden Entwicklung befindet, ist. Die Existenz geht der Essenz voraus oder aber der Mann bzw. die Frau ist das, was es aus sich macht. Was sie damit meint ist, dass biologische Unterschiede nicht naturbedingt, sondern kulturbedingt eine entscheidende Rolle spielen. Denn die Frau muss sich in einer Welt zurechtfinden, deren Regeln und Werte sie bislang nicht mitbegründet hat und denen sie sich dennoch beugen muss.

Sitten und Religion üben bis heute einen starken Einfluss auf die Freiheit der Frau aus. Aber dies ganz unberechtigterweise, denn die Gesellschaft ist keine Spezies und deshalb lassen sich die Sitten weder aus der Biologie ableiten, noch sind sie in der Lage, Werte zu begründen. Es ist nämlich umgekehrt: Es sind biologische Gegebenheiten, die zwangsläufig Werte annehmen. Das bedeutet, dass die Situation, in der sich die Frau befindet bzw. die ihr zugewiesen wird, dadurch weder gerechtfertigt ist, noch als Erklärung für die gesellschaftlichen Nachteile, die für sie daraus erwachsen, gilt.

Konkret bedeutet dies, dass Frauen Freiheiten sind, die sich entgegen aller biologisch-faktischen (wie die Schwangerschaft, das Klimakterium oder aber die Verinnerlichung zeitbegrenzter Fruchtbarkeit) und gesellschaftlich-kontingenten (wie fehlende Gleichberechtigung oder materielle Unterdrückung, Ignoranz oder Angst) Situationsgebundenheiten nach Zielen streben und das Verlangen haben, über sich hinauszuwachsen. Deshalb kann die Frau als ein Werden, als ein Spannungsverhältnis definiert werden. Diese Gespanntheit kann eine positive oder auch eine negative sein, bzw. die Frau kann als positives oder negatives Spannungsverhältnis von Freiheit und Situationsgebundenheit definiert werden.

Dieses Spannungsverhältnis steht darüber hinaus in einer Wechselbeziehung, denn desto intensiver das positive Spannungsverhältnis, umso schwächer das Negative und umgekehrt. Demzufolge ist ein vermindertes positives Spannungsverhältnis nicht zielführend, da es zu einer erhöhten negativen Gespanntheit führt. Die Frau als Spannungsverhältnis existiert, so lange sie lebt und wird auch niemals aufhören zu „werden“. Ihr Wesen konnte, kann und wird demnach nie ein für allemal festgeschrieben werden. Das Faszinierende daran ist, dass solange wir dieses Spannungsverhältnis von Freiheit und Situationsgebundenheit sind, wir aktiv an dieses wunderbare Abenteuer, dass unser aller Leben ist, teilnehmen. Wichtig, um ein „glückliches Leben“ bzw. ein erfülltes, bewusstes und zufriedenes Leben zu führen, ist, dass wir uns diesem Sein als Gespanntheit bewusst werden. Denn nur dann sind wir in der Lage, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen!

Esther Redolfi Widmann mit ihrem Abschlussdiplom
Foto: Esther Redolfi Widmann
Gibt es etwas in Simone de Beauvoirs Denken, von dem Sie sagen würden, dass es heute besonders aktuell ist und deshalb vermehrt thematisiert und bewusst gemacht werden sollte?

Ja, wie gesagt, bin ich davon überzeugt, dass wir Frauen uns nach wie vor bewusst, zumeist aber unbewusst in einem Spannungsverhältnis zwischen den Möglichkeiten, die uns heute geboten werden, und sämtliche Bedingtheiten, die uns dabei hindern, bestimmte Ziele zu erreichen, befinden. Der erste Schritt, um etwas daran zu ändern, ist Bewusstsein für unsere Situation zu schaffen, dies zu akzeptieren und entsprechend unseren Möglichkeiten zu handeln. Eine Hilfestellung möchte ich mit einer populärwissenschaftlichen Ausgabe meiner Doktorarbeit (an der ich gerade arbeite) bieten.

Aber auch Beauvoir selbst hat uns Frauen einen Weg aufgezeigt, wie wir unserer Lage bewusst werden und uns anschließend befreien können. Die Rede ist von

– der Entmythisierung (denn sämtliche Mythen haben immer wieder versucht, die Frau ein für alle Mal festzulegen);
– der freien Geistesentfaltung (diese betrifft allem voran die Bildung);
– der Sittenfreiheit (auch das liegt auf der Hand: desto geringer der Druck von den Sitten, umso größer die geistige und körperliche Entfaltung);
– der sexuellen Freiheit (diese steht ebenfalls im engen Verhältnis zur Sittenfreiheit);
– der selbstbestimmten Fortpflanzungsfunktion (diese erlaubt der Frau, die Kontrolle über ihren Körper und ihr Leben)
– und der ökonomischen Ungebundenheit (für Beauvoir ist diese die wichtigste, da sie als Grundvoraussetzung für die Entfaltung weiblicher Freiheit und Selbstständigkeit ist).

Beauvoir selbst hat einmal gesagt, auch sie sei keine freie Frau gewesen. Nach ihrer persönlichen Einschätzung war sie bestenfalls eine »unabhängige Frau«, und zwar eine Frau im Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen patriarchaler Weiblichkeit und weiblicher Freiheit. Und ich denke, dass wir bzw. dass sich die Generation nach uns exakt in einer solchen Übergangsphase befindet.

Diesen Samstag findet die erste von drei Veranstaltungen des Philosophischen Tryptichons statt. Anlass für die Veranstaltungsreihe ist das vor 70 Jahren, also 1949, erschienene Buch „Le deuxième sexe“ von Simone de Beauvoir. Würden Sie uns kurz erklären, was am Samstag Thema sein wird und wie die Veranstaltung ablaufen wird?

Genau. Da sich seit dem Erscheinen von „Das andere Geschlecht“ unsere Situation in sämtlichen Aspekten nicht gebessert hat, liegt die Dringlichkeit, sich heute an Simone de Beauvoir zu wagen, auf der Hand. Ich spreche – ganz im Beauvoirs Sinne – von sehr konkreten Themen wie beispielsweise das Recht auf freie Mutterschaft, den Kampf gegen Sexismus und der Gewalt gegen Frauen.

Simone de Beauvoir hat wie viele andere mutige Frauen für Grundrechte, die wir heute als selbstverständlich hinnehmen, gekämpft. Dies könnte auch ein Grund sein, weshalb sie von vielen Frauen meiner Generation beklagt, zu nachlässig damit umgegangen wird und wir ernste Gefahr laufen, zahlreiche hart erkämpfte Rechte zu verlieren. Vielleicht ist uns der Ernst der Lage nicht bewusst, aber ich befürchte, dass viel mehr auf dem Spiel steht als vermutet, nämlich die Freiheit über unseren Körper, unser Leben und unsere Zukunft.

Flyer der ersten Veranstaltung der Veranstaltungsreihe „Simone de Beauvoir reloaded“
Foto: TANNA & Frauenarchiv/Frauenbibliothek Bozen
Wann finden die nächsten beiden Veranstaltungen statt? Und könnten sie uns auch da kurz verraten, was uns jeweils erwartet?

Der zweite Teil des Triptychons ist Simone de Beauvoirs Erzählung „Die Welt der schönen Bilder“ gewidmet, und wird am kommenden 12. Oktober stattfinden. Während der dritte und letzte Teil, bei dem wir über „Ein sanfter Tod“ sprechen werden, für den 14. Dezember geplant ist.

Ich erlaube mir stets zu raten, sich je nach Lebensphase an Beauvoirs Bücher zu wagen. Denn erstens besitzt Simone de Beauvoir eine schriftstellerische Begabung, die ihrer Philosophie ein hohes Maß an Leserlichkeit verleiht und ihrer Philosophie ist es zu verdanken, dass sich ihre Literatur durch Tiefgründigkeit und Zeitlosigkeit auszeichnet.  Zudem ist es – und ich spreche aus eigener Erfahrung – ein sehr beruhigendes Gefühl zu wissen, dass wir nicht die Einzigen sind, die bestimmte Situationen, Erlebnisse oder Herausforderungen erfahren, verarbeiten und überwinden müssen. Beste Beispiele dafür sind die Themen von denen sie in „Die Welt der schönen Bilder“, die das Leben von einer Frau, die sich in der Spanne von Beruf, Kinder und Ehe, von Selbstverwirklichung und Karriere, von Selbstzerstörung und Therapiesucht befindet, spricht, oder von „Ein sanfter Tod“, der vom Tod von Simone de Beauvoirs Mutter handelt.

Flyer der Veranstaltungsreihe „Simone de Beauvoir reloaded“
Foto: TANNA & Frauenarchiv/Frauenbibliothek Bozen

Vielen Dank für das Interview & einen tollen Veranstaltung-Start am Samstag!

 

Autorin: Yvonne Rauter

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