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Frauen als Flüchtlinge – eine andere Geschichte Teil 1

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Während des Filmfestivals in Bozen in diesem Jahr fiel ein Film besonders auf: „Joy“ von Sudabeh Mortezai, ein österreichischer Spielfilm von 2018 mit nigerianischen Frauen im Mittelpunkt, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution wurden. Eine Gelegenheit, die Renate Mumelter, Marina Bruccoleri und Fernando Biague nutzten, um ähnliche Geschichten aus Südtirol zu erzählen, wie auch heute für unseren Beitrag in ichfrau.

 

Der Film „Joy“ von Sudabeh Mortezai, der beim Bozner Filmfestival dieses Jahr zu sehen war, erzählt von Frauen aus Nigeria, die Opfer von Menschenhandel wurden. In Südtirol leben viele Frauen aus Nigeria. Sind die auch Opfer von Menschenhandel wie die Frauen im Film?

Der Markt der Zwangsprostitution fußt häufig auf Armut und natürlich auf der Nachfrage. 90 Prozent der Frauen aus Nigeria sind Opfer von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung oder deren mögliche Opfer, auch in Südtirol.
In der Regel werden Analphabetinnen angeworben, Frauen mit Gewalterfahrungen, denen vorgegaukelt wird, sie könnten über Lybien nach Europa kommen und so der Armut entfliehen. Nigeria ist eines der größten und reichsten Länder Afrikas. Dort gibt es aber auch viel Armut. Menschenhändler nutzen die Tatsache, dass sexuelle Ausbeutung und Prostitution in Europa ein sehr einträgliches Geschäft sind.

 

Gäbe es keine Freier, gäbe es diese Form der Ausbeutung nicht. Aber wer sind diese Freier?

Der Freier, der die Frauen auf dem Straßenstrich aufsucht, ist männlich und könnte unser Bruder, unser Vater, unser Sohn sein. Das geht quer durch alle Schichten, genaue Daten habe ich aber nicht.

 

Was sagen Sie zur Behauptung, Frauen könnten  es angenehm finden, ihren Körper zu verkaufen?

Das ist eine männliche Erfindung um die Tatsache zu rechtfertigen, dass man dafür bezahlt. Sexuelle Ausbeutung ist ein sehr einträgliches Geschäft, deshalb finden wir sie auch in Ländern wie Deutschland oder Österreich, wo Bordelle erlaubt sind. Deshalb hat Schweden und weitere Länder wie Finnland, Norwegen und teilweise Frankreich ein neues Modell entwickelt, das die Prostitution insgesamt als Gewalt gegen Frauen einstuft, und deshalb jene bestraft, die bezahlen, die Freier also.

 

Haben Frauen, die Opfer von Menschenhandel wurden, eine Möglichkeit auszusteigen?

Es gibt verschiedene Formen von Ausbeutung, Arbeitsausbeutung, Ausbeutung der Bettelei, Organentnahme, Ausbeutung Minderjähriger durch Diebstahl oder Drogenhandel, illegale Anwerbung von Landarbeitern.
Sexuelle Ausbeutung ist besonders sichtbar, weil sie auf unseren Straßen stattfindet. Italien und Belgien haben ein Gesetz, das gezielt Frauen, die Opfer von Menschenhandel wurden, schützt.
Präsident Napolitano und die Ministerin Turco haben es gesetzlich ermöglicht, dass Frauen aus der Zwangsprostitution eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, wenn sie an spezifischen Projekten zur Inklusion teilnehmen. In Italien gibt es 22 Einrichtungen, die in diesem Sinne aktiv sind. In Südtirol wurde 2003 das Projekt Alba gegründet, das in 15 Jahren 130 Frauen begleitet hat.

In Italien gibt es ein Gesetz, das Frauen unterstützt, aus der Zwangsprostitution aussteigen zu können. Quelle: Pixabay

 

Ist es schwierig, in eines dieser Projekte aufgenommen zu werden?

Nein, ist es nicht. Es gibt eine Kommission, die prüft, ob die erzählte Geschichte glaubwürdig ist, denn es könnte auch sein, dass die kriminellen Banden versuchen, an die Aufenthaltsgenehmigung zu kommen, um eine Frau bequemer ausbeuten zu können.

 

Der Film „Joy“ beschreibt auch die Angst der Frauen

Sie werden bedroht, haben Schulden und wenn sie diese nicht abzahlen, müssen sie um ihr Leben das der Verwandten fürchten, sie werden also erpresst.
Außerdem werden sie durch animistische Rituale erpresst, die im Film geschildert werden.
Aber es handelt sich um sehr starke Frauen. Ich würde umkommen, wenn ich so eine Erfahrung machen müsste. Diese Frauen sind sehr ausdauernd und sehr motiviert, der Armut zu entkommen. Es sind Frauen mit großem Potential.

 

Privatarchiv Marina Bruccoleri

Marina Bruccoleri ist die Leiterin der Bereiche Prävention, Beratung und Frau und Chancengleichheit von „La Strada-der Weg“, welcher auch Teil des Projekts ALBA ist, das 2003 vom Land Südtirol in Anwendung des Gesetzes von Turco/Napolitano gegen den Menschenhandel ins Leben gerufen wurde. Beim Projekt ALBA arbeiten drei Vereinigungen zusammen und zwar „Volontarius“, die sich um die Erhebung kümmert, „La Strada-der Weg“ betreut die Aufnahmephase und die „Sozialgenossenschaft Consis“ begleitet die Arbeitseingliedrung. Das Projekt ALBA wird nach dem abwechselnd von den drei Vereinigungen koordiniert. Derzeit ist Alberto Dal Negro der Koordinator.

 

Interview geführt von Renate Mumelter
im Auftrag vom Netzwerk Gewaltprävention in Zusammenarbeit mit dem Filmfestival Bozen

 

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