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„Glück ist nicht nur ein Geschenk, es ist eine Aufgabe.“

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Eva Pföstl ist als Minderheitenexpertin in vielen verschiedenen Ländern tätig gewesen und hat immer wieder zu Frauenrechten und zum Leben von Frauen geschrieben. Im Interview erzählt sie uns von ihrer Arbeit, warum die Zusammenarbeit mit dem Dalai Lama für sie prägend war und wie sie ihren Leitsatz „think global – act local“ heute umsetzt.

Erzählen Sie uns von Ihrer beruflichen Laufbahn?

Begonnen hat meine berufliche Laufbahn an der EURAC in Bozen, wo ich im Fachbereich Minderheiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Anschließend war ich bis 2015 wissenschaftliche Direktorin der Rechtsabteilung des Istituto di Studi Politici S. Pio V in Rom und bis 2017 Lehrbeauftragte an der Universität LUISS, Rom und der Universität LUSPIO, Rom im Bereich vergleichendes Verfassungsrecht mit Schwerpunkt Minderheiten.

Wie ist Ihr Interesse für Minderheiten entstanden und was fasziniert Sie daran?

Ich habe mich bereits während des Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Florenz damit auseinandergesetzt und vertieft habe ich dann dieses Spezialgebiet an der EURAC in Bozen. Das Faszinierende an Minderheitenrechten liegt für mich in der vergleichenden Forschung zum weltweiten Schutz und Erhalt der ethnischen, kulturellen, religiösen und sprachlichen Vielfalt der Bevölkerung unserer zunehmend globalisierten Welt. Um eine differenzierte Einsicht und Betrachtung des politischen Weltgeschehens zu erhalten ist der Einbezug von Minderheiten unabdingbar. Wie viele Beispiele auf der ganzen Welt zeigen, ist zur Vermeidung von Konflikten die Involvierung kultureller, religiöser und sprachlicher Minderheiten unabdingbar.

Eva Pföstl auf einer Tagung an der Universität von Dakhla in Marokko
Sie haben die tibetische Exilregierung in Minderheitenfragen beraten? Und wie war für sie die Zusammenarbeit mit dem Dalai Lama?

Für mich war die Zusammenarbeit ein prägender Moment meines Lebens. Ich habe eine neue Kultur und ein neues Land kennengelernt, aber ganz besonders war die Zusammenarbeit mit dem Dalai Lama eine große Lektion in Sachen Demut. Die unerschütterliche Kraft, mit der er weiterhin hartnäckig, aber auf friedliche Weise gegen die Unterdrückung kämpft, ist ein permanenter Akt der Courage, der mich tief beeindruckt hat.

In welchen anderen Ländern waren Sie tätig?

Ich war für Forschungsaufenthalte in Indien, Marokko, Jordanien, Tunesien, Rumänien und den USA.

Sie haben immer wieder über Ihre Erfahrungen speziell zu Frauenrechten und Frauen in den verschiedenen muslimischen Ländern, wo Sie waren, geschrieben. Hat sich hier etwas diesbezüglich zum Guten entwickelt?

Ich möchte hier nur kurz auf die Situation in Marokko eingehen. Die neue Verfassung Marokkos von 2011 zeichnet sich durch die Verankerung demokratischer Prinzipien aus, zu denen auch die Gewährleistung der Gleichstellung von Mann und Frau zählt. Bereits mit der Revision des Familienrechts 2004 hatte  König Mohammed IV. eine neue Phase der Modernisierung Marokkos eingeleitet. Diese Revision hatte die Rechte der Frau insbesondere in Bezug auf Scheidung, Strafverfolgung bei sexueller Gewalt sowie Eindämmung der Polygamie wesentlich gestärkt. Bei der Verfassungsreform von 2011 berücksichtigte König Mohammed VI. internationale Rechtsstandards und blieb in seiner Eigenschaft als oberster Rechtsgelehrter zugleich im islamischen Argumentationsrahmen. So gelang es ihm, alle Seiten zufrieden zu stellen – sogar die Islamisten, die jegliche Änderungen abgelehnt hatten. Nach Jahren der Verzögerung verabschiedete das marokkanische Parlament am 14. Februar 2018 ein neues Gesetz, durch das Gewalt gegen Frauen härter bestraft werden soll. Diese Reform ist die neueste auf dem langen, holprigen Weg Marokkos zu mehr Gleichberechtigung und Schutz von Frauen. Die Voraussetzung für wirkungsvolle Umsetzung der Reformen ist eine drastische Veränderung in der Mentalität der marokkanischen Gesellschaft. Eine solche tiefgreifende Veränderung braucht jedoch Zeit, um zu einer stabilen und tragfähigen gesellschaftlichen Grundlage zu werden. Dieser Prozess ist angelaufen, besonders in den grossen Städten und wenn er so fortgesetzt wird wie bisher, bin ich zuversichtlich, dass sich die Situation der Frauen weiterhin verbessern wird.

Treffen mit marokkanischen Mädchen und Frauen in Layounne Marokko
Sie haben auch über die Rolle der Frau bei mare nostrum geschrieben. Woher konnten Sie die Informationen einholen?

Ich war bei vielen Konferenzen und Tagungen in arabischen Ländern und hatte einen regen Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Frauenbewegungen. Auch habe ich mir immer wieder vor Ort, besonders in Marokko, ein Bild zur Situation der Frauen gemacht.

Erzählen Sie uns von einem Highlight in Ihrer beruflichen Tätigkeit?

Ich hatte  2014 und 2015 die große Ehre vor dem 4. Komitee der UNO Generalversammlung in New York zu sprechen. Ich stellte die Vorzüge einer territorialen Autonomie für West-Sahara dar und nahm dabei Südtirol als Vorbild. Dies war ein sehr bewegender Moment für mich. Die Meetings waren hochinteressant: Neben den offiziellen Delegierten der Staaten waren viele Vertreter von NGOs, Menschenrechtsorganisationen, Frauenrechtlerinnen, Juristen, Wirtschaftsfachleute, Experten für Terrorismus und Professoren aus der ganzen Welt anwesend.

Eva Pföstl bei der UNO Generalversammlung in New York
Was hat Sie zurück nach Meran gebracht?

Meran ist eine wunderbare Stadt, mit hoher Lebensqualität und nach 14 Jahren Rom hatte ich wieder das Bedürfnis nach Südtirol zurückzukehren.

Was ist Ihnen heute wichtig? Was möchten Sie weitergeben? Wofür setzen Sie sich ein?

Es zeigt sich seit geraumer Zeit, dass wir vieles als zu selbstverständlich nehmen. Wohlstand und Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit und auch Frauenrechte sind nicht vom Himmel gefallen und für ewig garantiert, sondern müssen ständig neu erstritten werden. Demokratie lebt nur, wenn wir uns für sie einsetzen. Friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, Respekt vor Minderheiten, Zurückweisung aller Form von Diskriminierung, Rassismus und Hass – das alles ist nicht nur Aufgabe des Staates! Wir alle müssen uns für die demokratischen Grundlagen einsetzen.

Wie sind Sie zur redaktionellen Leitung des Meraner Stadtanzeigers gekommen?

Rein zufällig. Meine Devise diesbezüglich lautet: „think global – act local“. Die Arbeit unserer unabhängigen Lokalzeitung, ausgeführt von vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern ist wichtig. Sie schärft den Sinn für das Besondere, das unsere Stadt und unsere Umgebung auszeichnet, für lokale Geschichte, die die Gegenwart prägt, und sie gibt Orientierungspunkte in einer sich rasch ändernden Welt. Lokalzeitungen tragen durch die Vielfalt ihrer Berichterstattung zum Funktionieren unseres Gemeinwesens bei. Ihre Bedeutung für eine lebendige Demokratie ist von grundsätzlicher Natur. Schade, dass dies von der Politik nicht geschätzt wird, denn wir erhalten keinerlei öffentliche Unterstützung.

Arbeiten Sie aktuell an einem Forschungsprojekt?

Ich bin derzeit wissenschaftliche Leiterin der internationalen Zeitschrift für nachhaltige Entwicklung „Revue on Studies on Sustainability“.

Ihr Lebensmotto?

Glück ist nicht nur ein Geschenk, es ist eine Aufgabe.

Wen bewundern Sie?

Ich bewundere alle Menschen die sich für gewaltloses Handeln als Form politischer Auseinandersetzungen einsetzen. Gandhi prägte dafür das Wort „Satyagraha“, das gewöhnlich mit „Kraft der Seele“ übersetzt wird. Sein Sinn: Gewaltloses Handeln mit dem Ziel, den Besitzer überlegener Gewaltmittel vernichtend zu schlagen, erfordert Mut, Disziplin und Initiative.

Welche Lebensweisheit haben Sie im letzten Jahr gewonnen?

Zivilcourage ist wichtig. Besonders in Südtirol habe ich das Gefühl, dass dies oft fehlt. Wir alle müssen Hass und Hetze zurückweisen, Beleidigungen widersprechen, Vorurteilen entgegentreten. Die Welt braucht vor allem kritische und selbstkritische, politisch wache Menschen. Selbstbewusste Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die strittige Themen mit offenem Visier diskutieren – ohne sich in Selbstverkapselung zu verkriechen oder in rücksichtsloser Aggressivität nur die eigene Meinung gelten zu lassen. Und auch den Humor sollte man im täglichen Leben nicht vergessen, besonders wenn man ihn teilen kann.

Interview: Sissi Prader und Judith Mittelberger

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