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Sklaverei – die Erbsünde Europas? – Teil 2

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Das Ende des Sklavenhandels ab 1807 bzw. 1815 ist nicht das Ende der Sklaverei – damit endete der erste Teil dieses zweigeteilten Beitrags anlässlich des UNESCO-Welttages gegen den Sklavenhandel. Direkt mit dieser Geschichte verbunden ist eine Frau, deren Lebensgeschichte mich, seit dem ich das erste Mal von ihr gehört habe, fesselt, beeindruckt, begeistert und motiviert. Die Rede ist von Harriet Tubman, von der auch das Zitat am Montag dieser Woche stammt.

Araminta Harriet Tubman wurde als Sklavin auf einer Plantage in Maryland in den USA geboren. Ihr genaues Geburtsdatum ist aus diesem Grund, wie auch bei vielen anderen Sklav_innen, nicht bekannt. Das Geburtsjahr wird allerdings zwischen 1820-1825 geschätzt.

Als Sklavin musste Tubman verschiedenste Arbeiten verrichten: von Kindermädchen, Köchin und Hausmädchen bis hin zu Holzfällerarbeiten und Feldarbeiterin. Gewalt vonseiten von Aufsehern und/oder Besitz_erinnen gehörte zum Alltag. Als Jugendliche wurde sie „einmal von einem Aufseher so schwer misshandelt, sodass sie lebenslang unter Phasen extremer Müdigkeit zu leiden hatte.

Mit 24 Jahren heiratete Harriet ihren ersten Ehemann John Tubman, einen freien Schwarzen Mann. Über diesen oder über ihre Ehe ist wenig bekannt. Fünf Jahre später, 1849, verstarb Harriet Tubmans Besitzer, und das Gerücht, dass alle Sklav_innen verkauft würden, brachte sie dazu, nach Philadelphia zu flüchten. Ihre eigene gelungene Flucht und die Erfahrung von Freiheit waren es, die Tubman in den darauffolgenden Jahren antrieben, Reisen zurück nach Maryland zu machen, und ihre Familie, aber auch andere Personen aus der Sklaverei der Plantagensysteme zu befreien.

In Zusammenarbeit mit mehreren Anti-Sklaverei- und Fluchthilfsorganisationen schmuggelte Tubman über 10 Jahre hinweg in 19 lebensgfährlichen Touren etwa 300 Personen in die Freiheit. Dies brachte ihr auch den Nicknamen „Moses“ ein. Am bekanntesten ist das Schleusernetzwerk „Underground Railroad“, dem Tubman angehörte. Über ein Netzwerk sogenannter „safe houses“ (dt.: sichere Häuser) gelangten die Sklav_innen Etappe für Etappe auf unsichtbaren Wegen in den Norden. Dass Tubman in ihren Befreiungsaktionen sehr erfolgreich war, lässt sich auch am Kopfgeld erkennen, das für ihre Festnahme ausgesetzt war: 40.000 $.

Harriets Entscheidung für den Einsatz in der Underground Railroad hatte zur Folge, dass sich die Wege von ihr und ihrem ersten Ehemann ab diesem Zeitpunkt trennten. John Tubman wollte sich nicht an den Befreiungsaktionen beteiligen.

Von den mutigen und selbstlosen Taten Harriet Tubmans, ebenso wie von ihrem Einsatz für Bildung und das Wahlrecht von Schwarzen Menschen erzählen verschiedene zeitlebens oder posthum veröffentlichte Texte, Denkmäler und Filme.

Auch wenn Tubman einen großen Teil ihres Lebens in Freiheit leben konnte, war die Sklaverei um 1850 noch nicht gesetzlich verboten. Die Uneinigkeiten der verschiedenen Staaten der USA hinsichtlich der Abschaffung führten (unter anderem) schließlich sogar zum Sezessionskrieg – einem amerikanischen Bürgerkrieg der von 1861 bis 1865 dauerte.

Tubman, die weiter für die Abschaffung der Sklaverei kämpfen wollte, meldete sich freiwillig zum Dienst und diente anfänglich als Köchin und Krankenschwester, später dann als bewaffnete Kundschafterin und als Spionin, mit Kontakt zu den Sklav_innen hinter den feindlichen Linien der konföderierten Südstaaten. Sie war außerdem die erste Frau, die eine bewaffnete Expedition im Krieg anführte – den Combahee River Überfall. Dabei konnten mehr als 700 Sklav_innen befreit werden.

Nach Ende des Krieges ließ sich Tubman in einem Vorort von Auburn, New York nieder. Der Abolitionist Senator William H. Seward hatte ihr dort ein Stück Land verkauft. 1869 heiratete Tubman ein zweites Mal und zwar den Veteranen Nelson Davis, mit dem sie 1874 ein Mädchen adoptierte.

Harriet Tubman (li) mit ihrer Familie und Nachbarn in Auburn, New York ca. 1887.
Bildquelle: Wikimedia Commons, Photographer William H. Cheney, South Orange, NJ, https://it.wikipedia.org/wiki/File:Harriet_Tubman,_with_rescued_slaves,_New_York_Times.JPG
Source: Kate Clifford Larson

In den Wirren des Bürgerkrieges erließ Abraham Lincoln am 22. September 1862 die vorläufige Emanzipationsproklamation und erklärte am 1. Januar 1863, dass innerhalb der Vereinigten Staaten alle Sklaven „von da an und für immer frei sein sollen.“

Etwa 3 Millionen versklavte Menschen wurden dadurch als frei erklärt, die konföderierten Staaten des Südens ihrer Arbeitskräfte „beraubt“, viele Schwarze traten in die Unionsarmee ein, und viele starben im Kampf. Offiziell beendet wurde die Sklaverei mit den Erklärungen Lincolns allerdings nicht. Dies geschah erst nach Ende des Bürgerkriegs mit der Verabschiedung des Gesetzes für den 13. Verfassungszusatz am 18. Dezember 1865 durch Präsident Andrew Johnson.

Arte resümiert im vierten Teil der Dokureihe:

Im Laufe von 12 Jahrhunderten wurden 9 000 000 – 12 000 000 afrikanische Sklaven auf der Transahara- und der Ost Route verschleppt. Ab 1516 wurden in 350 Jahren 13 000 000 Männer, Frauen und Kinder nach Amerika deportiert. Die Raubzüge, Hungersnöte, Kriege und Epidemien, dieser globalisierten Gewalt haben rund 50 000 000 Afrikanern das Leben gekostet – direkte oder indirekte Opfer der Expansionsbestrebungen der Großmächte.

2008 lässt ein Beitrag der Zeitschrift die WELT aufhorchen: „Noch nie gab es so viele Sklaven wie heute„. Die Schätzungen reichen von 12 bis 27 Millionen (wobei rein rechnerisch der „Anteil der Sklaven an der Weltbevölkerung […] geringer denn je“ ist).

Personen allen Alters und aller Geschlechter befinden sich in Ausbeutungs- und Gewaltverhältnissen, wie z.B. Kinderarbeit, (Zwangs-)Rekrutierung als Kindersoldaten, Zwangsprostitution, politischer Gefangenschaft, Leibeigenschaft oder wirtschaftlicher Ausbeutung. Wir leben in und mit einem Paradox: „Heute haben alle Staaten weltweit die Sklaverei offiziell abgeschafft, zuletzt der afrikanische Staat Mauretanien im Jahr 1980. Doch die Abschaffung existiert nur auf dem Papierdas Phänomen Sklaverei ist ungebrochen.“

Der amerikanische Sklaverei-Forscher Kevin Bales unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen zwei Formen der Sklaverei: jener der früheren Zeit und den Erscheinungsformen der modernen Sklaverei.

In der Vergangenheit bedeutete Sklavenhaltung, dass eine Person eine andere rechtmäßig besaß; in der modernen Sklaverei ist dies nicht der Fall. Heute ist Sklaverei weltweit verboten, daher ist es nicht mehr möglich, Menschen legal zu besitzen. Kauft jemand heutzutage Sklaven, verlangt er keine Quittung oder Eigentumsurkunde, sondern erwirbt die Verfügungsmacht über einen anderen und setzt Gewalt ein, um diese aufrechtzuerhalten.
Sklavenhalter genießen alle Vorteile der Inhaberschaft, ohne gesetzlich dazu berechtigt zu sein. In Wirklichkeit ist es für Sklavenhalter sogar von Vorteil, nicht rechtmäßige Besitzer zu sein, da sie so die Sklaven völlig ihrer Kontrolle unterwerfen können, ohne eine wie auch immer geartete Verantwortung für sie zu übernehmen. Daher ziehe ich die Bezeichnung Sklavenhalter dem Begriff Sklavenbesitzer vor.

In meinem Kopf tauchen in der Auseinandersetzung mit dem Thema Sklaverei und Sklavenhandel, oder weiter gedacht auch mit Rassismen, immer wieder zwei Fragen auf:

  • Welche Geschichte_n kenne ich nicht?
  • Was macht dieses Unwissen mit mir?

Durch eigenes Recherchieren, durch aktive Wissensaneignung, durch Hinter-Fragen, aber auch durch genaue(re)s Beobachten, Hinschauen und Hinhören kann man den eigenen Horizont erweitern. Man erarbeitet sich Teile von Informationen, von Geschichte_n, Teilantworten, Puzzleteil für Puzzleteil, die sich zu einem erweiterten und etwas vollständigerem großen Ganzen zusammenfügen lassen.

Aufgrund meiner Recherche muss ich meine zu Beginn aufgestellte These an diesem Punkt verwerfen. Ich erinnere: Im letzten Beitrag kam ich zum Schluss, dass die Erbsünde weniger mit Adam und Eva oder der Lust bei der Zeugung zu tun hat, sondern vielmehr mit der Geschichte der Kolonialisierung von uns Europ_äerinnen.

Thesen können provokant sein, das macht sicher auch einen Teil ihres Reizes aus, sie sind aber auch da, um immer wieder überfprüft und gegebenenfalls über den Haufen geworfen zu werden – wie ein meinem Fall gerade.

Sklaverei hat eindeutig nicht nur mit Europa zu tun! Und auch die Geschichte der Erbsünde gestaltet sich theologisch umstrittener als erwartet. In der Bibel kommt diese nämlich gar nicht vor. Vielmehr handelt es sich um ein später in der westlichen Kirche auf Basis von Folgerungen aufgestelltes Dogma. Gibt es diese Erbsünde also überhaupt?

Könnte die Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschheit eine Erb-Sünde der Menschheit sein? Wer weiß… Ein Erbe der Menschheit bleiben Sklaverei und Sklavenhandel auf jeden Fall. Vincent Brown von der Harvard University beschreibt dieses so:

Wir werden große Fortschritte machen, wenn wir alle die Sklaverei als Teil unserer gemeinsamen Geschichte anerkennen. Die Geschichte der Sklaverei ist keine schwarze Geschichte und auch nicht nur die Geschichte der weißen Kolonisierung, sondern die Geschichte menschlicher Ungleichheit, die unser aller Erbe ist. Ein Erbe, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.
Die Weißen dürfen sich nicht nur als Nachkommen von Sklavenhaltern sehen. Sie müssen sich auch als Nachkommen von Sklaven verstehen. Auch die Schwarzen müssen sich als Nachkommen von Sklavenhaltern sehen.
Wir müssen erkennen, dass wir die grundlegenden Strukturen dieser Gesellschaften in uns tragen. Es liegt an uns, was wir aus dieser fundamentalen Ungleichheit machen. Nur so können wir als Gesellschaft Fortschritte machen.

 

Yvonne Rauter

 

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