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Im Gedenken an die `Trostfrauen` des japanischen Militärs

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Tokio –  Seoul – Taipeh – X`ian – Beijing – so klingen die Hotspots der Frauengeschichte, die ich auf meiner Asienreise im Herbst 2019 besuche: 6 Frauenmuseen in 3 bzw. 4 Ländern (Je nach politischer Weltanschauung zählt Taiwan zu China oder wird als eigenständiger Staat gesehen). Drei der besuchten Museen widmen sich einem Thema, das mir wenig bekannt war: den ‚Trostfrauen‘. Sie thematisieren die Kriegsverbrechen des japanischen Militärs, begangen an Abertausenden Frauen während der japanischen Invasion im pazifischen Raum im 20. Jhd. Diese Frauen mussten den japanischen Soldaten auf ihren Eroberungszügen in Asien für deren sexuelle Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung stehen.

Irritiert über die harmlos klingenden, beschönigenden Bezeichnungen wie ‚Trostfrauen‘ (engl.: ‚comfort women‘) bzw. ‚comfort stations‘ für die dazugehörigen Lager dieses Systems der Zwangsprostitution, erfahre ich, dass die Ausdrücke vom japanischen Militär selbst erfunden und verwendet wurden. Deshalb werden sie als historische Begriffe beibehalten. So wie in der Literatur setze ich in meinen Texten diese eigenwilligen Bezeichnungen zwischen halbe Anführungszeichen. Trotzdem gewöhne ich mich nur schwer an die euphemistische, die Tatsachen hinters Licht führende, Begrifflichkeit. Je mehr ich über das System erfahre, desto größer wird meine Empörung. Nicht von ungefähr kommen diese verharmlosenden sprachlichen Repräsentationen von den Tätern. Sie stülpen sie über die ungeheuerlich brutalen Geschehnisse, um sie zu verbergen und erträglich erscheinen zu lassen. Ein gutes Beispiel für das Ausüben von Macht auch über die sprachliche Ebene.

Kurze Einführung: Was sind ‚comfort stations‘?

Mit dem Betreiben der sogenannten ‚comfort stations‘ wollte die japanische Regierung verhindern, dass ihre Soldaten die Frauen der besetzten Länder vergewaltigen. Dabei ging es nicht um Schonung der weiblichen Bevölkerung, sondern um die Gesundheit der Armeeangehörigen. Die Soldaten sollten vor Geschlechtskrankheiten bewahrt, und somit die Schwächung der Truppen verhindert werden. In den Lagern standen die Frauen unter ständiger medizinischer Kontrolle und Bewachung. Auch das Problem „schwangere Frau“ konnte leicht einer Lösung zugeführt werden. Schwangere wurden zur Abtreibung gezwungen. Ein weiterer Gedanke war, den Heeresangehörigen zu ermöglichen, ihr sexuelles Verlangen auf angenehme Weise zu befriedigen. Immer wieder stehe ich fassungslos und entsetzt vor der Tatsache, mit welcher Selbstverständlichkeit Männer davon ausgehen, dass wir, die Frauen dieser Welt, für die Befriedigung ihres sexuellen Begehrens zuständig sind – so, als wäre es ihre naturgegebene Pflicht. Notfalls wird sie zugekauft oder erzwungen.

Das japanische Militär erbaute die Lager, betrieb sie und erhielt sie aufrecht. Organisatorisch gab es drei Typen: direkt vom Militär geführte, unter militärischem Vertrag stehende und rein privat geführte Vergewaltigungszentren. Die dritte Lagerkategorie wird von der japanischen Regierung immer dann strapaziert, wenn es darum geht, das Schuldeingeständnis zu verweigern. Oft waren sie in Häusern, Schulen und Tempeln untergebracht, da viele Zimmer benötigt wurden. Manchmal wurden Zelte auf den Schlachtfeldern errichtet. Auch Höhlen und Bunker dienten als ‚comfort stations‘. Manche Frauen mussten in den Lagern bleiben, während des Tages arbeiten (waschen, kochen,..) und nachts den Soldaten dienen.  Andere zwang man, den Truppen zu folgen oder brachte sie in Militärlager an die Front.

Wir wollen nicht länger hören, dass wir Frauen durch den Krieg beschützt werden. Nein, wir werden durch den Krieg vergewaltigt.

Lida Gustava Heymann (1868-1943), dt. Frauenrechtlerin Pazifistin, Autorin, 1915

Erinnerungskultur im Land der Täter

Erinnern Sie sich an Sofia Coppolas Film „Lost in Translation“ („Zwischen zwei Welten“ oder wörtlich:“Verloren in der Übersetzung“), der in Tokio spielt? Fremd und etwas „verloren“, ähnlich wie die ProtagonistInnen im Film, fühle ich mich, als ich in Tokio, der größten Metropolregion der Welt mit ihren 38 Millionen Einwohner*innen, nach dem Frauenmuseum suche. In Japan eine Adresse zu finden, ist auf den ersten Blick ein kleines Abenteuer. Vor mir liegt eine Anschrift ohne Straßennamen:

WAM (=Women´s Active Museum On War and Peace)

AVACO Bldg 2F, 2-3-18,

Nishi-Waseda, Shinjuku

TOKIO

Aufgewachsen in einer analogen Welt, greife ich zum Stadtplan und versuche, durch Vergleich mit der Museumsadresse Hinweise auf dessen Lage zu entdecken. Als ersten Orientierungspunkt finde ich „Shinjuku“, den Stadtteil, in dem das Museum liegt. Nishi-Waseda, stelle ich fest, bezeichnet eine Metro-Station. Mittels des digitalen Routenplaners, der mir sogar Auskunft gibt, welchen Ausgang aus dem U-Bahnsystem ich nehmen soll, kontrolliere ich meine bisherigen Erkenntnisse und mache mich auf den Weg. Ein nächster neuralgischer Punkt ist das Auftauchen aus der Unterwelt – links, rechts, geradeaus? Eine freundliche junge Frau lässt mich den noch zurückzulegenden Fußweg auf ihrem Handy studieren. An dem schmalen Gässchen, in dem das AVACO- Gebäude 2F liegt, wäre ich mit Sicherheit vorbeigegangen. Erst beim Verlassen des Museums sehe ich am Beginn der Gasse ein Schild mit dem Hinweis darauf – an der Mauer, auf Fußhöhe und nur zu sehen, wenn du aus der richtigen Richtung kommst.

Beim Betreten des Museums werde ich sogleich mit seinem Kernthema konfrontiert. An den Wänden verweisen 179 Frauenporträts auf Frauenschicksale aus 10 Ländern: Frauen aus Nord-und Südkorea, Taiwan, China, Japan, den Philippinen, Indonesien, Malaysia, Osttimor, Burma (heute: Myanmar) und Vietnam, die bis zur Kapitulation Japans nach dem 2. Weltkrieg als Sexsklavinnen für die japanische Armee arbeiten mussten.

Mina Watanabe, die Leiterin des Museums, erklärt mir: „Von den hier präsentierten Frauen bekamen wir die Zustimmung zur Veröffentlichung ihrer Fotos. Hinter dieser so kleinen Zahl verbergen sich Tausende Frauen, die entweder den Krieg oder die Nachkriegszeit nicht überlebten und jene, die aus persönlichen Gründen ihr Schicksal nicht öffentlich preisgeben wollen. Auch wenn es ihnen nicht möglich ist, über ihre schlimmen Erfahrungen zu sprechen, sollen sie nicht vergessen sein. Für sie steht symbolisch die abschließende weiße Fläche am Ende der Fotogalerie. Steckt eine weiße Blüte beim Foto bedeutet das, dass die Frau verstorben ist. Auf der gegenüberliegenden Wand sehen wir jene Überlebenden, die als jeweils erste ihres Landes einen Gerichtsprozess gegen die japanische Regierung anstrebten.“

Noch nicht fertiggesprochen, drängt sich ein BesucherInnenpaar, ein Herr, der sich als Korrespondent vorstellt und eine ihn begleitende Frau, auf gänzlich unjapanische Art in unsere Unterhaltung. In ersten Anmerkungen lassen sie anklingen, dass sie nicht mit allen gezeigten Inhalten einverstanden sind. Während Mina mich weiterhin durchs Museum führt, wenden sich die beiden von Zeit zu Zeit an sie, um ihre Einwände vorzubringen. Obwohl die ‚Trostfrauen‘ mittlerweile von der UNO als „Sexsklavinnen“ und die ‚comfort stations‘ als „Vergewaltigungszentren“ anerkannt werden, muss sich Mina wieder einmal für die Bezeichnung „Sexsklavinnen“ in den Museumstexten rechtfertigen. Für die beiden KritikerInnen handelt es sich schließlich nach wie vor um „freiwillige Prostituierte“. Woher kommt dieses Argument?

Nachdem Korea von Japan eingenommen worden war, wurden auch die Reiserträge des Landes von Japan beschlagnahmt, sodass die koreanische Bevölkerung verarmte. Die einzige Möglichkeit zu überleben, bestand für viele Frauen darin, sich als ‚comfort women‘ zu verdingen. Die Armut, die sie in die Prostitution trieb, wird ihnen von gewissen Kreisen auch heute noch als „Freiwilligkeit“ ausgelegt. Gibt es (k)einen Unterschied zwischen ‚comfort women‘ und dem Prostitutionsbusiness? Fehlt der Wille zur Unterscheidung? Wo endet / beginnt die Freiwilligkeit im Falle der Prostitution? Ein Thema, das auch in unserer Zeit, in der „Zeit der Sexarbeit als Job wie jeder andere“, kontrovers diskutiert wird. Ich gewinne den Eindruck, dass die Diskussion um die angebliche Freiwilligkeit der ‚Trostfrauen‘ von jenen Betroffenen ablenken soll, die gekidnappt, bedroht und unter Zwang in die Vergewaltigungslager des japanischen Militärs verschleppt wurden. Weiters wurden viele Frauen aufgrund falscher Versprechungen auf einen guten Job angelockt, um dann in sogenannten ‚comfort stations‘ zu landen.

Mina Watanabe, Leiterin des Women’s Active Museum on War and Peace, Tokio

Schon vor meinem Besuch wusste ich, dass das Frauenmuseum aufgrund seiner aufklärerischen Arbeit im eigenen Land keine uneingeschränkte Zustimmung genießt, beschmutzt es doch das Ansehen Japans im Ausland. Nun erlebe ich hautnah, wie unangenehm es sein kann, als „Nestbeschmutzerin“ im eigenen Land angesehen zu werden. Ich spüre, wie „heiß“ das Thema für Teile der japanischen Bevölkerung, die meistens dem rechten politischen Flügel zugeordnet werden können, immer noch ist. Indem sich das Tokioter Frauenmuseum kritisch mit den geschichtlichen Fakten auseinandersetzt, wirft es Licht auf einen unrühmlichen Teil der Landesgeschichte, der bisher noch von keinem Premierminister samt Regierung als Verbrechen bzw. schuldhaftes Verhalten Japans anerkannt wurde.

Im Raum 3 bietet ein in verschiedenen Farben gehaltener, chronologischer Zeitstreifen einen Überblick über die Zeit von 1875 – 2018. Die Zeit vor der japanischen Kolonisation zeichnet den Weg nach, wie es dazu kam. Ein rosaroter Streifen informiert darüber, wie die japanische Kolonialregierung das System der Militärprostitution nach Korea exportierte. Die Nachkriegszeit, in Gelb gehalten, ist von Bedeutung, weil der Kolonialismus gegen Koreanerinnen, die mit diesem historischen Background nach 1945 in Japan lebten, anhielt. Zusätzlich verweist der Abschnitt darauf, dass viele japanische Männer in den 1960er und 1970er Jahren in Korea den Sextourismus belebten.

Seit seiner Gründung im Jahre 2005 richtete das „Women’s Active Museum on War and Peace“ viele Sonderausstellungen aus. Dafür dient der zweite Raum des Museums, in dem zur Zeit meines Besuches die Sonderausstellung: „Listening to Korean ‚Comfort Women‘: Effort to Take Responsibility for Japan’s Colonialism“ die japanische Kolonialzeit in Korea von 1910 – 1945 beleuchtet. Wie viel Arbeit dahinter steckt, erahne ich, wenn Mina erzählt: „Aufgrund intensiver Forschungsarbeiten war es uns möglich, Daten von den nord- und südkoreanischen Regierungen zu erheben. Von vielen ehemaligen ‚Trostfrauen‘ wissen wir nur, weil sie soziale Unterstützung beantragten und sich dafür registrieren lassen mussten. So können wir in dieser Ausstellung mittels Fotos und Kurzbiographien 183 koreanischer Frauen gedenken.“ Von der politischen Aktivistin bis zur schweigsamen Frau – jeder einzelnen wird durch die für alle gleiche Form und Länge der Präsentation der gleiche Respekt gezollt: 500 Buchstaben berichten über wesentliche Stationen ihres Lebens. Nachdenklich betrachte ich die weißen Flecken, die bei vielen Lebensgeschichten zurückbleiben. Sie verweisen auf Frauenschicksale, von denen nicht mehr zu erfahren war.

Vor dem Verlassen des Museums fällt mein Blick noch auf die Tätergalerie. Sie zeigt Fotos von Männern, die für das System der militärischen Zwangsprostitution verantwortlich waren. Es ist wichtig, dass sie nicht anonym bleiben und sich nicht länger verstecken können, auch im Hinblick auf zukünftige Kriegsverbrechen und deren Verantwortliche.

Dabei kommt mir das Bild einer ehemaligen ‚Trostfrau‘ wieder in den Sinn, die kurz vor ihrem Tod begann, Bilder zu malen.

Ich gehe zurück in den Raum, in dem ihr Bild „Punish the Responsible“ („Bestraft die Verantwortlichen“) hängt. Seine Aussage mag hart sein, aber ich kann sie nachvollziehen. In Anbetracht der Tatsache, dass es der japanischen Regierung selbst nach mehr als 70 Jahren nicht möglich ist, sich für das brutale Verhalten ihrer Militärs zu entschuldigen, vermittelt das Bild über die persönliche Geschichte hinaus politische Tragweite. (Über diese bemerkenswerte Frau, namens Kang Duk-Kyung, werde ich im „War & Human Rights Museum“ in Seoul, Südkorea noch mehr erfahren).

Kang Duk-Kyung: Punish the Responsible

Große Wichtigkeit für das Tokioter Frauenmuseum besitzt Yayori Matsui (1934-2002), eine prominente Journalistin und feministische Aktivistin. Weltweite Bekannheit erlangte sie, weil sie die Errichtung des „Internationalen Frauen-Kriegsverbrechertribunals“ /“Women´s International War Crimes Tribunal“ anstieß.

The only way to fight against globalization is by globalizing our solidarity.

Yayori Matsui (1934 – 2002)

Auf sie geht auch die Gründungsidee des WAM zurück. Im Sinne seiner Urheberin aktiv zu sein, stellt für das Frauenmuseum einen zentralen Punkt dar. Neben Symposien, Seminaren und Forschungsarbeiten steht die Zusammenarbeit mit internationalen zivilen Organisationen und deren Arbeit gegen Kriegsverbrechen an Frauen im Zentrum seiner Aktivitäten. Es ist das einzige japanische Museum, das sich gegen Gewalt an Frauen einsetzt und sie aus der Genderperspektive thematisiert.

 

Marianne Wimmer, Frauenmuseensammlerin

 

Im Jahr 2015 hatte Marianne Wimmer bei ihrem Besuch im Frauenmuseum Meran eine Idee: Sie wollte die erste Frau sein, die weltweit alle Frauenmuseen besucht. Sie verlor nicht viel Zeit und startete bald ihre Besuche in Frauenmuseen rund um den Globus. In einer Reihe von Tagebucheinträgen wird sie uns hier über ihre Erfahrungen berichten.

Rückblick auf den ersten Blogbeitrag: Frauenpower rund um den Globus

Vorschau auf den nächsten Blogbeitrag: War & Women`s  Human Rights Museum, Seoul, South Korea

Artikel auf Englisch lesen.

Marianne Wimmer

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