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Ein Besuch im ‚comfort women‘ museum in Seoul

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Nachdem ich im Tokioter Frauenmuseum einen ersten Einblick in das Thema der sexuellen Gewalt gegen Frauen durch das japanische Militär bekommen hatte, besuchte ich zwei weitere der sogenannten ‘comfort women’ -Museen, und zwar in Ländern, deren Frauen als Opfer der japanischen Aggressoren unsägliches Leid ertragen mussten. Ich flog in die Hauptstadt Südkoreas, nach Seoul und anschließend in die taiwanesische Hauptstadt Taipeh.

Achtung: Verstörender Inhalt!

Folgender Text kann Ihren Gemütszustand erschüttern.

War & Women’s Human Rights Museum
20, Worldcupbuk-ro 11-gil
Mapu-gu
Seoul 03967, Republic of Korea (ROK)

1929 in Korea geboren – mit 16 Jahren während der japanischen Kolonialzeit Koreas (1910-1945) in die erste „Frauen-Freiwilligen-Service-Truppe“ (Women’s Voluntary Servise Corps) eingezogen und unter dieser fälschlichen Bezeichnung in eine japanische Flugzeugfabrik transportiert – ausgebeutet durch harte Arbeit – Hunger gelitten – geflohen – von einem japanischen Offizier gefangengenommen und vergewaltigt – in eine sogenannte ‘comfort station’ (s. Kapitel „Tokio“) verfrachtet – ….

So beginnt die Kurzbiographie, die entscheidende Stationen im Leben einer Frau schildert, die es trotz ihres leidvollen Daseins als Sexsklavin der japanischen Armee schaffte, ihre Opferrolle hinter sich zu lassen. 1992, beinahe 50 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges und somit auch dem Ende der Vergewaltigungslager, fand sie im Alter von 63 Jahren den Mut und die Kraft, ihre schlimmen Erfahrungen öffentlich zu thematisieren. Darüber hinaus begann sie für ihre Rechte zu kämpfen.

Ihr Name: KANG DUK-KYUNG „HALMONI“(1929 – 1997). Ein Leben nicht nur als Opfer, sondern auch als Aktivistin. Damit zählt sie zu jenen Frauen, deren Schicksale – verdichtet in wenigen Sätzen – auf die Rückseite der Eintrittskarten des Museums gedruckt sind. Mit dem Lesen ihrer Lebensgeschichte begebe ich mich auf die Spuren der koreanischen Sexsklavinnen, in den Texten liebevoll „halmonis“ (korean.: Großmütter) genannt. Trotz der erschreckenden und schockierenden Inhalte weist dieser Gang durch die Geschichte auch ermutigende und hoffnungsvolle Seiten auf.

Mit dem Öffnen einer Tür schlägt mir ohrenbetäubender Lärm entgegen. Kanonenfeuer und marschierende Soldatenstiefel übertönen all meine Gedanken. Über einen schmalen geschotterten Weg, auf dessen linker Wand sich schattenhafte Mädchengestalten abzeichnen, stolpere ich voran. Mit gebeugtem Kopf schreiten sie vorwärts, ins Ungewisse – junge Frauen auf dem Weg in ihr zukünftiges Leben als sogenannte `Trostfrauen`. Ihnen gegenüber, von der rechten Wand, erheben sich plastisch Hand- und Gesichtsabdrücke alter Frauen, ihrer Vorgängerinnen, ihren Blick auf die Neuankömmlinge gerichtet. Was würden sie ihnen wohl erzählen? Wovor würden sie sie warnen? Würden sie dabei flüstern oder schreien? Oder schweigen sie lieber, weil sie das Unausweichliche nicht verhindern können?

Schritt für Schritt lande ich schließlich in einem Kellerraum, in dem ehemalige Sexsklavinnen in Videoaufnahmen über das dunkelste Kapitel ihrer Lebensgeschichte Zeugnis ablegen. Berührt lausche ich ihren Erzählungen über den Audioguide in englischer Sprache. Manchmal, überwältigt von den Grausamkeiten ihres erlittenen Unrechts, versuchen sie ihre Tränen zurückzuhalten. Von Zeit zu Zeit werden Sprechpausen benötigt, um seelische Kräfte für das Weitersprechen zu sammeln. Es fühlt sich beklemmend an, ihren Stimmen zu folgen und mit der Zeit verwandelt sich der kleine Raum gefühlsmäßig in eine Gefängniszelle. Diese dunklen unterirdischen Gemäuer zu verlassen und über eine Treppe in lichtere Gefilde hochzusteigen, verschafft Erleichterung. Dabei begleiten mich entlang der „Wand der Anklage“ Fotos ehemaliger Opfer und von ihnen getätigte Aussagen, die in die Wand eingraviert sind. Dem Audioguide entnehme ich das dahinterliegende Ausstellungskonzept: So wie die Stiege vom Dunkel ins Helle führt, ändert sich die Klangfarbe der Aussagen von anklagenden zu Hoffnung vermittelnden Sprüchen:

How bitter a life I shall live! Bring back my youth!

My wish is that I may hear even a word of sincer apology.

These children should live in a peaceful world.

Im zweiten Stock angelangt, betrete ich den Raum der Geschichte. Ausgestellte Objekte und Dokumente bezeugen die immer wieder bestrittene und beschönigte Realität der Lager und lassen sie lebendig werden: wertloses Militärgeld als Zahlungsmittel für geleistete Dienste samt Preislisten mit unterschiedlichen Preisen für verschiedene Dienstgrade; Kondome mit zynischen Namen wie „Rush No 1“ oder „Assault No 1“; Fotos und Tagebücher von Soldaten, die über deren Erlebnisse beim gemeinsamen Besuch mit Freunden in den sogenannten ‘comfort stations’ berichten; Fotos verletzter Frauen, die von erlittener Gewalt und Folter zeugen, einschließlich medizinischen Befunds; Lagerskizzen mit den mittig angebrachten „Zimmern“ zur Ausübung sexueller Gewalt und einer davor sich anstellenden Schlange von Soldaten in Warteposition.

Was die koreanischen Frauen in den Lagern betrifft, erfahre ich, dass sie zwischen 14 und 19 Jahre alt waren, die jüngste zählte gerade einmal 11 Jahre. Nach Kriegsende setzte sich ihr Leiden fort. Viele der Sexsklavinnen litten unter körperlichen Problemen oder/ und posttraumatischen Belastungsstörungen. Kehrten sie in ihre Heimatländer zurück, wurden sie noch einmal gedemütigt und erniedrigt. In diesen streng patriarchalischen Gesellschaften galten sie als unrein und wurden sozial geächtet und ausgestoßen. Viele Ehen endeten, sobald das Vorleben der Gattin aufgedeckt wurde. Kein Wunder, dass sie lange schwiegen.

Im Krieg wie im Frieden bürden Ehemänner ihren vergewaltigten Frauen den Großteil der Last der Verantwortung für dieses schreckliche Ereignis auf. Die heiligen Eigentumsrechte wurden verletzt, und dem Eigentum selbst wird die Schuld dafür gegeben.

Susan Brownmiller (geb. 1935), amerikan. Journalistin, Autorin, Bürgerrechts- und feministische Aktivistin, 1975

Nach diesen deprimierenden Inhalten tut es gut, auch über das Brechen des Schweigens der Überlebenden zu erfahren, das mit der ersten Zeugin KIM HAK-SOON „HALMONI“ begann. Nachdem Japan sich hartnäckig weigert, seinen Anteil an den Verbrechen herunterspielt und die Forderungen der Betroffenen ignoriert, unterstützen südkoreanische und internationale Frauenorganisationen solidarisch ihren Kampf um Anerkennung und Gerechtigkeit. Im Jahre 2000 wurde das „Women’s International War Crimes Tribunal on Japans Military Sexual Slavery“ im Namen aller Frauen dieser Welt abgehalten. Es stellte ein kraftvolles Zeichen an die internationale Gemeinschaft dar, die Gewalt an Frauen zu beenden, die Täter zu verfolgen und zu bestrafen. Mittlerweile fordern viele Staaten Japan auf, seine Schuld anzuerkennen.

Besonders beeindruckend sind die Mittwochsdemonstrationen, die seit 1991 vor der japanischen Botschaft in Seoul abgehalten werden. Überlebende und ihre mitdemonstrierenden Unterstützer*innen wollen erreichen, dass die japanische Regierung für das System der sogenannten ‘comfort stations’ und seiner Opfer Verantwortung übernimmt, sich offiziell entschuldigt und über Reparationszahlungen nachdenkt. Dabei wurde bei der 1000sten Kundgebung die Friedensstatue eines Mädchens (Peace Statue of a Girl) enthüllt, von der es im Museum eine Nachbildung gibt.

Kim Eunsung & Kim Seokyong: Peace Statue of a Girl

Der Audioguide bringt mir die Details näher: Am Originalschauplatz mit seinen Augen auf die japanische Botschaft fixiert, schaut das Mädchen auf die harte Realität, auf die Tatsache, dass sich die japanische Regierung noch immer weigert, seine Schuld anzuerkennen. Der Vogel auf seiner Schulter symbolisiert die Brücke, die die Überlebenden mit den bereits verstorbenen ‘Trostfrauen’ verbinden soll. Der leere Sessel neben dem Mädchen ist für all jene gedacht, die sich auch lautstark, wie die Demonstrant*innen, für die Gerechtigkeit einsetzen wollen. Immer wieder nehmen Besucher*innen auf dem freien Stuhl für ein Foto Platz, um ihre Haltung und Solidarität zum Ausdruck zu bringen.

Auch die eigene Geschichte und ihre dunklen Seiten wird reflektiert. Eine Spezialausstellung dokumentiert die Verbrechen koreanischer Soldaten, die während des Vietnamkriegs an vietnamesischen Frauen begangen wurden.

Indem das Museum den Blick von der Vergangenheit auf die Gegenwart richtet, auf die unzähligen Konfliktherde dieser Welt, thematisiert es auch die Kriegsverbrechen durch systematische Vergewaltigungen an Frauen, die im 21. Jahrhundert Standard jedes Kriegsgeschehens sind. Denken wir an Bosnien, Sierra Leone, Sudan, Kongo, Afghanistan, Irak,…………. Der Ostkongo, höre ich über meinen Audioguide, erlangte traurige Bekanntheit als „Hauptstadt der Vergewaltigung“. Folgender Satz verankert sich unauslöschlich in meinem Gedächtnis:

In einem Krieg oder kriegsähnlichen Konflikt ist es gefährlicher eine Frau zu sein, denn ein Soldat.

Nicht nur Frauen werden in Kriegen misshandelt, auch Kinder. Betroffen steht die Besucher*in vor der Weltkarte: „Kinder und bewaffnete Konflikte“ und liest die Informationen über Kindersoldaten und in Kriegen missbrauchte Mädchen – weltweit.

Nach dieser Tour durch das Museum betrete ich den Museumsgarten. Mit der Statue „Kim Bokdong and Gil Wonok are Peace“, soll der Blick hoffnungsvoll in die Zukunft gerichtet werden. Sie wurde am Internationalen Frauentag 2012 aufgestellt und zeigt Kim Bokdong und Gil Wonok, zwei ehemalige Sexsklavinnen und spätere Menschenrechtsaktivistinnen.

Kim Eunsung & Kim Seokyung*: „Kim Bokdong and Gil Wonok are Peace“

Ich war 13, als ich geschnappt wurde. Weil ich den Schmerz am eigenen Leib erlebte, weiß ich, wieviel Schmerz andere Opfer sexueller Gewalt leiden. Ich möchte diesen Frauen Kraft geben, die denselben Schmerz wie wir aushalten müssen.

Gil Won-ok; 91 Jahre alt.

Aufgrund ihrer eigenen schlimmen Erlebnisse versprachen die beiden Frauen, ihre Reparationszahlungen – sollten sie jemals welche von Japan bekommen – den Opfern sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten zu spenden. Um ihre Entscheidung zu ehren, wurde der „Butterfly Fund“ gegründet, der Frauen in den Krisengebieten dieser Welt unterstützen soll. Der Schmetterling steht symbolhaft für den Wunsch an alle Frauen, sie mögen frei von Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt leben können. Um ein Zeichen zu setzen, können Besucher*innen ihre eigenen Gedanken, Wünsche oder Versprechen an von Gewalt betroffene Frauen auf leuchtend gelbe Schmetterlinge aus Papier schreiben und an eine Außenwand des Museums heften.

 

* Kim Eunsung & Kim Seokyung: koreanisches Künstlerinnenduo; setzt sich kritisch mit der japanischen Geschichte in seinen Kunstwerken auseinander; schuf auch die Statue „The Peace Statue of a Girl“, wofür die Künstlerinnen Drohungen erhielten.

 

Marianne Wimmer, Frauenmuseensammlerin

 

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