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Musik im Exil, Leben in Meran

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Natalia Pravosudovič (auch Natalja Michailowna Prawossudowitsch), geboren am 14. August 1899 in Wilna, war eine russische Komponistin, deren Lebensweg von den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts und der Erfahrung des Exils geprägt war.

Ihr musikalisches Talent wurde früh gefördert: Am Sankt Petersburger Konservatorium studierte sie Klavier bei Wera Skrjabin und Komposition bei Sergei Ljapunow. 1925 schloss sie ihr Studium mit einem Diplom bei Alexander Glasunow ab, der ihr später eine Empfehlung für Arnold Schönberg ausstellte.

1928 zog sie nach Berlin, wo sie als Meisterschülerin Schönbergs an der Preußischen Akademie der Künste in Kontakt mit der musikalischen Avantgarde kam. Doch ihr Leben wurde durch persönliche und politische Tragödien erschüttert: Der Tod ihrer Mutter, die Verhaftung und Ermordung ihres Vaters unter Stalin und ihre eigene schwere Erkrankung führten sie 1931 zur Kur nach Meran – ein Aufenthalt, der zur lebenslangen Zuflucht wurde.

In Meran lebte sie zurückgezogen in der Stiftung Borodine, einer Einrichtung für kranke russische Emigrant:innen. Sie arbeitete zeitweise als Sprachlehrerin und Näherin, doch die Musik blieb ihr innerer Anker. Ab 1956 begann sie wieder zu komponieren – trotz zunehmender Erblindung. Ihre Werke, darunter Orchesterstücke, Chorwerke, Lieder, Klavier- und Kammermusik, spiegeln eine tiefe emotionale Welt wider, geprägt von russischer Spätromantik und Skrjabins Klangpoesie. 1962 wurde ihre frühe Klaviersonate mit dem ersten Preis des internationalen Kompositionswettbewerbs Premio Helena Rubinstein in Buenos Aires ausgezeichnet.
Pravosudovič war Mitglied im Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik und setzte sich für die Sichtbarkeit von Komponistinnen ein. Ihre Musik ist leise, aber eindringlich – ein Ausdruck innerer Stärke und künstlerischer Beharrlichkeit im Schatten der Geschichte.

Am 2. September 1988 starb sie in Meran. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Evangelischen Friedhof der Stadt. Jahrzehnte später wurde ihr Leben und Werk wiederentdeckt: Der Südtiroler Künstler Michael Fliri widmete ihr 2017 eine Skulptur im Rahmen des Projekts *MenschenBilder* – einer Freiluft-Galerie entlang der Passerpromenade, die bedeutenden Persönlichkeiten Merans ein Denkmal setzt. Fliris Arbeit thematisiert den „Raum zwischen Maske und Gesicht“ – ein poetisches Bild für Identität, Ausdruck und die stille Präsenz einer Frau, die trotz aller Widrigkeiten komponierte.

Am 8. November 2024 widmet die Akademie Meran Pravosudovič eine Konzert-Konferenz mit dem Titel *Trait d’union: Natalia Pravosudovitch tra San Pietroburgo e Merano*. Die Veranstaltung schlägt eine Brücke zwischen ihrer Herkunft und ihrem Exil – und macht ihre Musik wieder hörbar.

Natalia Pravosudovič ist heute mehr als eine vergessene Komponistin. Sie ist ein Symbol für künstlerische Selbstbehauptung im Exil, für weibliche Kreativität jenseits der großen Bühnen – und für die stille Kraft der Musik, die selbst im Rückzug weiterlebt.

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