Marianne Wimmer hat uns wieder einen Beitrag zukommen lassen. Diesmal war sie in Izmir, Türkei.
Das einzige physische Frauenmuseum der Türkei befindet sich in der drittgrößten Stadt des Landes, in Izmir. Kurz vor dem Bahnhof Basmane verlassen wir den mehrspurigen Fevzi Pasa Boulevard und tauchen ins Gassengewirr des ehemaligen jüdisch-türkischen Viertels ein.
1295.Sok – 1296.Sok – 1299.Sok – 1298.Sok – Hinter dem Wort „Sokak“, abgekürzt: Sok., verbergen sich kleinere Gassen, die in türkischen Städten anstelle gewohnter Namen durchnummeriert Orientierung bieten.
Zusätzlich leiten uns Hinweisschilder mit der Aufschrift „Izmir Kadin Müzesi“. Vorbei an Wohnhäusern, kleinen Läden, Cafes und Hotels, stehen wir nach 5 Minuten vor einem historischen Gebäude, dem Frauenmuseum. Mit seiner neoklassischen Fassade mit einem Erkerfenster verbindet es europäische und traditionell türkische Architektur. Gebäude dieser Art, „Izmir Haus“ genannt, zählten in diesem Stadtteil zu den bevorzugten Häusern bis in die 1. Hälfte des 20. Jhds.
Nach einem kurzen Schockmoment – die Haustür lässt sich nicht öffnen – entdecken wir rechts davon eine Klingel. Kurz gedrückt – und wir finden Einlass. Ich bin erleichtert, denn 2018 stand ich bereits einmal vor verschlossener Tür, wegen Renovierungsarbeiten.
Izmir Kadin Müzesi
1298 Sokak, No: 14
IZMIR TÜRKEI
Im geräumigen Foyer fällt mein Blick als erstes auf eine dralle, nackte Frauenskulptur mit langem, braun gewelltem Haar. Auf der für Besucherinnen* aufgestellten, langen Sitzbank platziert, erweckt sie meine Neugierde. Im Nachhinein betrachtet repräsentiert sie eines der wesentlichen Elemente, die das Frauenmuseum zu einem interessanten Ort werden lässt: moderne Kunstwerke, die Spannung in einige Ausstellungsräume bringen. An den hohen Wänden der Eingangshalle dienen festliche, reich verzierte Kaftane und Jacken aus dem 19. Jhd., der Zeit des osmanischen Reiches, als Blickfänger. Als weiterer Baustein des Museums verweisen sie auf die Vergangenheit anatolischer Frauen. Zuletzt springt mir Mustafa Kemal Atatürk ins Auge. Wie der Begründer und 1. Präsident des Staates aussah, werde ich wohl mein Leben lang nicht mehr vergessen. Dieser Mann wird mir während meines Aufenthaltes ins Gedächtnis eingeschweißt.

Abgesehen vom gleichnamigen Museum, findet sich sein Bildnis in Restaurants, auf -zig Fotos einer Ausstellung am Konak-Platz anlässlich des bevorstehenden Tages der Republik am 29. Oktober, als Statuen im Stadtbild und hier, im Frauenmuseum, gleich im Eingangsbereich. Auf einer lebensgroßen Fotographie tanzt er mit seiner Adoptivtochter anlässlich ihrer Hochzeit 1929 im Palast in Ankara. Obwohl ich generell die Sinnhaftigkeit anzweifle, Männern in Frauenmuseen Raum zu geben, kann ich seine Darstellung insofern verzeihen, da ich weiß, dass er für die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Neuordnung des ehelichen Scheidungsrechts, für höhere Schulbildung und den UNI-Zugang für Frauen und für deren aktives und passives Wahlrecht eintrat. Davon erfahre ich im Frauenmuseum leider nichts. Warum fokussieren die Museumsgestalterinnen* allein auf Atatürk und lassen seine sehr selbstbewusste, von westlichen Vorbildern geprägte Frau, unerwähnt? Da sie als Paar einen demonstrativ bildungsbürgerlichen Lebensstil führten, stelle ich mir vor, dass seine Frau wesentlichen Einfluss auf ihren Mann und seine reformerischen Ideen hatte.
Erlebe ich gerade ein Beispiel, wie Frauen aus der Geschichte hinausgeschrieben werden? Die Bildnisse Frida Kahlos und Mona Lisas auf großen Rolltafeln ziehen mich unweigerlich durch die offene Tür in den ersten Ausstellungsraum. Was haben diese beiden Frauen hier verloren? Wie passen sie zur Darstellung einer Wasserträgerin aus dem 18. Jhd., zu zwei auf traditionellen Instrumenten spielenden Mädchen aus dem Jahr 1880 und dem Infotext samt Fotos der Mirabal- Schwestern aus der Dominikanischen Republik?
Auf die Antwort muss mein wachgerüttelter Geist warten, denn beim Nähertreten erregt ein nackter Frauentorso aus Holz mit einer prachtvoll geschnitzten Vulva und Brüsten meine Neugier. „Toprak Ana“ („Mutter Erde“) nennt die Künstlerin Mine Karabiyik ihr Werk. Fasziniert umrunde ich die Skulptur. Mit durchgebogenem Rücken und gestützt von einem Stöckchen, sieht der Frauenkörper aus wie ein Stöckelschuh, betrachte ich ihn von der Seite? Die Schuhkreationen der österreichischen Künstlerin Birgit Jürgenssen kommen mir in den Sinn.
Ich nehme mir Zeit, den Raum in mich aufzunehmen. Mein Blick schweift durch das optisch sehr ansprechend gestaltete Zimmer. Es besticht durch seine Kombination aus den Frauendarstellungen auf den Rolltafeln, den feministischen Kunstwerken und zwei Tischvitrinen mit Dokumenten bzw. alten Fotos.
Was bedeutet das alles im Zusammenhang?
Mit dem Saaltext „Frauen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart“ auf einer Infotafel neben der Tür, legt man jenen Anker aus, den ich brauche, um mit etwas Fantasie gedankliche Fäden zwischen den Ausstellungstücken zu spinnen und zu sinnhaften Verknüpfungen zu kommen.
Neben ihren traditionellen Rollen als Ehefrauen und Mütter erledigten Frauen zu allen Zeiten und in allen Weltgegenden außerhäusliche Arbeiten, entfalteten ihre Talente und Fähigkeiten oder setzten sich für Frauenangelegenheiten ein“, lese ich sinngemäß. Lediglich zum Bildnis der „Mona Lisa“, dem Kunstwerk eines Mannes, finde ich keinen sinnvollen Anknüpfungspunkt im Text. Sie bleibt rätselhaft, wie ihr weltberühmtes Lächeln. Wie wäre es, sie durch ein von einer Malerin geschaffenen Porträt zu ersetzen? Kein einziges Wort, weder auf Türkisch noch auf Englisch erklärt die Inhalte der Tischvitrinen mit ihren Schriftstücken, die nach Heirats- und Geburtsurkunden, Diplomen und Ausweisen aussehen. Auf den Fotos in der Vitrine nebenan sehe ich Hochzeiten, diverse Feiern, eine Präsentation von Handarbeiten eines Frauenclubs.
Möglicherweise sollen sie das einstige traditionelle Leben der Menschen des jüdisch_türkischen Viertels abbilden, tippe ich aufgrund einiger Details. Thematisch würde es Sinn machen. Das Thema“ Frauen in Anatolien in der Antike“ im anschließenden Raum umfasst neben Repliken weiblicher Gottheiten, einem Bildnis der Dichterin Sappho, einer Artemisstatue eine lebensgroße Amazone. Laut legendärer Überlieferungen soll die Stadt Smyrna, das heutige Izmir, von griechischen Amazonen gegründet worden sein. Absurderweise entdecke ich in dieser göttlich-mythischen Umgebung eine Vitrine mit Frauenmagazinen, auf die ich sogleich zusteuere, denn von ihr erwarte ich mir Interessantes und werde nicht enttäuscht. Ich erfahre vom ersten Frauenmagazin aus dem osmanischen Reich aus 1869, vom ersten Magazin im Eigentum von Frauenhand und mit weiblichen Angestellten; ich blicke auf Brigitte Bardot und einige andere Schönheiten auf dem Covern, ebenso auf das Frauenzeichen mit integrierter Faust, das Symbol für Frauenpower aus meiner Jugendzeit, weiters auf das Bild einer Frauendemonstration. Die Bandbreite ist groß und zeugt davon, dass sich Frauen nicht nur über Mode und Aussehen definierten, sondern sich über Frauenmagazine auch Gehör verschafften und ihre Forderungen ausdrückten. Auch wenn die Zeitschriften in diesem Raum fehl am Platz sind, möchte ich sie nicht missen. Die Proteste türkischer Frauen sind raumsprengend, will man sie im kleinsten Zimmer des Hauses unterbringen. Bereits am Ende des Stiegenaufgangs, noch im Stiegenhaus, beginnt der Kampf türkischer Frauen um ihre Rechte.
Es geht um die Umsetzung des „Internationalen Abkommens gegen Diskriminierung aller Art gegen Frauen“, das 1985 angenommen wurde. Während der „Frauen-Solidaritätsbewegung des 8. März“ setzten die Frauen mit dem Lied „Women exist“ ein lautstarkes Zeichen für ihre Petition. Dazu trugen sie Banner:“….we don’t want to be imprisoned in our houses, we don’t belong in the kitchen, we belong in the world“. Eine klare Ansage, wie bei allen weiteren Streiks und Protesten, vom erfolgreichen Protest gegen die Brotpreiserhöhung 1828, über den Widerstand gegen Umweltzerstörung durch den Goldabbau mittels Zyanids (1996), bis zum Recht auf Abtreibung (2012) und der Kampfansage gegen Gewalt an Frauen (1987, 1989). In den landesweiten Aktionen „Our Body belongs to us. No to Sexual Harassment“ verteilten die Frauen lila Nadeln, die den Widerstand gegen Belästigung symbolisierten. In der „No-to-Molestation“– Ausstellung in Izmir wurden Nadeln verteilt, um sie gegen Frauen belästigende Männer einzusetzen.
Großartig! Lange verweile ich vor einem Kunstwerk, das unter die Haut kriecht und sich im Gedächtnis einnistet: Vier nackte, von Ketten umschlungene, in Ketten gelegte und an ihnen von der Deckenvitrine baumelnde nackte Frauenkörper, ihre Hände handlungsunfähig, weil niedergebunden oder zum Zuhalten von Augen, Ohren und Mund gebraucht – nichts sehen und hören wollen oder können, nicht schreien, weil man sich vom gewalttätigen Vorgehen abspalten muss, um zu überleben – es einfach über sich ergehen lassen, wenn eine Männerhand von hinten auftaucht und den Bauch aufreißt. Obwohl das Kunstwerk beklemmend auf mich wirkt, zieht es mich in seinen Bann. Sind es jene Ketten, die uns in unseren geschlechterspezifischen Erwartungshaltungen festzurren? Schlimm finde ich, dass der Name der Künstlerin nicht aufscheint. Ein Lapsus, der in einem Frauenmuseum nicht passieren sollte. Kontrapunktisch zu diesem berührenden Kunstwerk erwartet mich im größten Raum des Museums das Bildnis einer märchenhaft schönen Frauengestalt, ihr Kopf umschlungen von einem pastellfarbigen Schal.
Wie eine Fee sitzt sie in einem Boot amüsiert sich, wie der Bildtitel „Amusement at Göksu“ verrät. Dazu gesellen sich schwulstig blumige Worte des Schriftstellers Z. Duckett Ferriman aus seinem Buch „Turkey and the Turks“ (1909). Mit seinem männlich-patriarchalen Blick schwurbelt er von Schönheit, Würde, Vornehmheit und Charme osmanischer Frauen. Ein Rundblick im Raum bestätigt: Hier stehen Schönheit und Eleganz türkischer Frauen im Mittelpunkt – festliche Kleider an Wänden und Kleiderpuppen, in Vitrinen Taschen und Hutmodelle, Hornkämme, Schmuckstücke der Yuruk-Frauen, Geldtäschchen und Schmuck gegen den „Bösen Blick“.
Beim Gang von Vitrine zu Vitrine entsteht der Eindruck einer etwas lieblosen Präsentation. Preisgegeben wird nur, dass es sich um Kleider und Accessoires des 19. und 20. Jhds. handelt. Die Textilien, die in der Mitgifttruhe im Erkerfenster ausgestellt sind, wurden schon länger nicht mehr ausgeschüttelt, denke ich. Gleich nebenan finden sich in einer Vitrine Nähmaschinen und -utensilien – ohne Kommentar. Dieser Raum böte viele tolle Gestaltungsmöglichkeiten, die nicht genutzt werden. Unter dem Titel „Unsere Frauen“ bildet eine ansprechend gestaltete Holzwand mit 22 quadratischen, drehbaren Elementen den Blickfang des vorletzten Raumes. Mit dem Foto einer berühmten Frau auf der einen, deren Leistung bzw. Vermächtnis auf der anderen Seite präsentiert das Frauenmuseum Pionierinnen auf verschiedensten Gebieten: von der ersten Bürgermeisterin und Parlamentarierin der Türkei, über die jeweils erste Doktorin, Karikaturistin, Opernsängerin bis zur ersten Kriegspilotin und Schönheitskönigin. Flankiert werden sie von vier Schaufensterpuppen. Die Annahme, dass die Kostüme, Kleider und der Mantel zu den dargestellten Frauen gehören, lässt sich nur in zwei Fällen verifizieren. Dabei erfordert die minimalistische Beschriftung wahre detektivische Kombinationsgabe. Vielleicht sind wir einer falschen Vorstellung aufgesessen und es steht ein gänzlich anderes Ansinnen dahinter. Im Saaltext, unter einem Foto Atatürks inmitten einer Frauengruppe (1933), lese ich über seine Gedanken und sein Vertrauen in die Fähigkeiten der Türkinnen. Er legt Wert auf die Bildung der Frauen und ihre Bürgerrechte und bestärkt sie darin, dass sie nicht hinter europäischen Frauen zurückstecken müssen. Atatürk – einmal zu viel. Schön langsam könnte man meinen, dass die türkischen Frauen ohne diesen „Nationalheiligen“ chancen- und hilflos gewesen wären.
Den Abschluss bildet eine Sonderausstellung mit Bildern der Künstlerin Zehra Güzel Susem, die sehr düster auf mich wirken. Ihr Name ist das Einzige, das ich entschlüsseln kann, denn es gibt keine Übersetzung ins Englische. Bei schönem Wetter lädt am Ende des Rundgangs durch die Ausstellungsräume ein kleiner Garten zum Entspannen ein. Ich muss gestehen, dass ich das Frauenmuseum mit Vorurteilen betrat, genährt von Gesprächen und Texten darüber im Vorfeld. Aufgrund der kritischen Beleuchtung aus sozialwissenschaftlicher Sicht in einer Masterarbeit (*1) dürfte sich am Ausstellungskonzept und den -inhalten bereits einiges geändert haben. Trotz meiner positiven Überraschung bleibe ich hin- und hergerissen zwischen Ausstellungsteilen, die von feministischem Geist getragen sind und jenen, die sich nicht von einem traditionellen Museum unterscheiden. Manches wird nur ausgestellt, ohne kritisch beleuchtet zu werden. Kein persönliches Anliegen blitzt durch, hier wird lediglich Arbeit erledigt. Insgesamt fehlt mir die Leidenschaft und das Engagement der Museumsgestalterinnen*, die ich in so vielen anderen Frauenmuseen spürte.
(*1) Masterarbeit von Gül Aydin: Ein kritischer Blick auf die Repräsentation von Frauen: Frauenmuseen in der Türkei (2018)
Marianne Wimmer, Frauenmuseumsammlerin
