New York City mit Überschwemmungen – eine neue Erfahrung. Es gießt in Strömen.
Am Columbus Circle peitscht uns der Wind den Regen ins Gesicht. Die letzten, noch nicht freiwillig eingeklappten Schirme werden Opfer heftiger Windböen. Tapfer kämpfen wir uns entlang des Central Parks hoch bis zur 77th Straße. Bei Ankunft in der Lobby der New York Historical Society, schwimmen wir in unseren Schuhen. Wie dumm von uns, nicht die Subway zu nehmen.
Center for the Study of Women’s History of the New York Historical Society
170 Central Park West at Richard Gilder Way (77th Street)
NY 10024
Überdimensionale Frauenfiguren, die die Säulen der großzügigen Lobby schmücken, lassen mich meine nasskalten Füße rasch vergessen. Kurz darauf heißt uns Anna Danziger Halperin, die stellvertretende Direktorin des Center for the Study of Women’s History, herzlich willkommen und führt uns in den 4. Stock, in dem das Frauenmuseum untergebracht ist. Es bildet nur eine kleine Abteilung in diesem großen Museum zur Amerikanischen Geschichte.

Als NYC-Liebhaberin bleibe ich gleich am Zugang zu den Ausstellungsräumen bei Vitrinen hängen, in denen ich lese: „Women Who Preserved NYC“. Danzinger Halperin erklärt: „PhD-Studentinnen* erarbeiten Themen und übersetzen ihre Ergebnisse in kleine Ausstellungen für unser Museum.“ Ich lese weiter: „Save the Square“. In keinem Reiseführer erfuhr ich bisher diese Geschichte über den Washington Square Park: Mütter und Frauen wehrten sich nach dem 2. Weltkrieg gegen die Pläne privater Immobilienmaklerinnen* und deren Stadterneuerungspläne. Durch den Washington Square Park sollte eine Straße geführt werden, folglich auf dem Erholungs- und Spielplatz der Anrainerinnen* statt Kinderlachen Lärm und Verkehr Einzug halten. Dem Widerstand der weiblichen Graswurzelbewegung unter ihrer Gründerin Shirley Hayes ist es zu verdanken, dass der Washington Square Park eine Begegnungszone blieb und ich mich ein halbes Jahrhundert später am „Dackeltreffen“ im Park mit seinen illustren Vier- und Zweibeinern oder an den jungen Männern aus der Bronx mit ihren halsbrecherischen, akrobatischen sowie Breakdance-Aufführungen erfreuen kann.
Gleichzeitig untergruben die Frauen mit ihren öffentlichen Kampagnen das ihnen zugewiesene traditionelle Lebensmodell der braven, häuslich sich fügenden Ehefrau zwischen Windeln, Backofen und Einweckgläsern, das in den 1950er-Jahren durchaus angesagt war. Unvorstellbarerweise wird es derzeit, im 3. Jahrtausend, über die Instagram-Geschichten der sogenannten „tradwives“ (=traditional houswives) erneut propagiert. Das glückselige und einzig wahre Leben als Hausfrau – ein schmerzlicher patriarchaler Backlash aus Frauenhand. Ein erstes Beispiel dafür, dass das Frauenmuseum nicht nur auf die weiße Bevölkerung der Metropole fokussiert, findet sich im Beitrag über Weeksville und Brooklyn’s African American Community, die um für sie wichtige Plätze im Stadtteil Brooklyn kämpfte.
Nach dieser Einstimmung in unbekanntere Gefilde der Frauengeschichte der Metropole, betreten wir den Raum der Hauptausstellung und Danziger Halperin setzt fort: „In der Hauptausstellung ‚Women’s Work‘ erzählen wir, wie Frauen in NYC in den letzten 300 Jahren arbeiteten. Dabei gehen wir nicht chronologisch vor, sondern thematisch. Anhand von 45 Objekten geben wir nicht nur Einblick in die Arbeit der Frauen, sondern wollen die Besucherinnen* auch anregen, den Begriff ‚Frauenarbeit‘ und die mit ihm verbundenen Stereotype zu hinterfragen und aufzubrechen, wie: leichte versus schwere, private oder öffentliche, unbezahlte gegen bezahlte Arbeit? Werden Arbeiten von Frauen verrichtet, weil sie in der Natur ihres Geschlechts liegen oder finden sich hinter den Rollenzuschreibungen gesellschaftliche Strukturen, die dafür sorgen?“

Der Rundgang durchs Frauenmuseum fühlt sich wie ein Stadtspaziergang durch meine Lieblingsstadt an. Wie oft entdeckte ich auf meinen bisherigen Erkundungstouren durch Manhattan Interessantes und Überraschendes. Aus der Fülle der Ausstellungsobjekte filtere ich jene heraus, die sich auf spezielle Stadtteile und Plätze des Big Apple beziehen, die ich von meinen Besuchen kenne: Lincoln Square – Garment District – Meat Packing District. Die Anker sind ausgelegt. So mache ich auf meinem Museumsrundgang einen ersten Stopp in der Gegend des heutigen Lincoln Square. Ein Foto zeigt Schwarze Schülerinnen aus der Arbeiterinnen*klasse, die hier in der Henrietta Industrial School der Children’s Aid Society um die Wende zum 20. Jahrhundert Hausarbeitsunterricht erhielten. „Unter dem Deckmantel von Hilfe unterstützten philanthropische Organisationen die ausnützerischen Arbeitsbedingungen“, merkt der Begleittext kritisch an. Auch das Kleidernähen konnte in dieser Schule gelernt werden, eine Arbeit, die als „ladylike“ gelabelt wurde, allerdings nicht lukrativ war und die Näherinnen in extremer Armut hielt. In einer Woche verdiente eine städtische Näherin die Hälfte des Lohnes, die ein männlicher Tischlerkollege an einem Tag erarbeiten konnte. Soweit zum Gender-Pay- Gap Anfang des 20. Jahrhunderts. Dahinter steckte die Annahme, dass Frauen nur dazuverdienten. Die vielen Alleinverdienerinnen blieben unbeachtet. Trotz der Abhängigkeiten, der Gefahren des Missbrauchs, der Gewalt und der Mehrfachdiskriminierung (Rasse, Geschlecht, Herkunftsland) gab es jahrzehntelang keine Arbeitsgesetze für Hausangestellte, abgesehen davon, dass gesetzliche Bestimmungen in den Privathaushalten schwer überprüfbar gewesen wären. Weiße Arbeiterinnen ließen häufig die Arbeit als Hausangestellte hinter sich und trachteten, in Fabriken, Büros und Geschäften Arbeit zu finden. Im Jahr 2010 erlässt der Staat New York die „Domestic Worker’s Bill of Rights“, die Mindestlöhne, Bezahlung und Regelung von Überstunden und einen freien Tag pro Woche garantiert. Gerade diese Details sind es, die mich als Besucherin immer wieder staunen lassen. Eingewanderte Arbeiterinnen der Bekleidungsindustrie gründeten um 1900 eine Gewerkschaft, die neben Bildungs-und Gesundheitsprogrammen dem frauenrechtlerischen Grundsatz folgten: „Arbeitsrechte und Frauenrechte sind untrennbar miteinander verbunden.“
Mit einem, aufgrund seiner Größe leicht übersehbaren Gegenstand, einem ausgestellten Ansteckknopf (1975-1995) landen wir in Midtown Manhattan, im Garment District. Chinesische Schriftzeichen auf dem Anstecker erzählen von der wechselnden ethnischen Zusammensetzung der Arbeitenden in den Sweatshops der Textilindustrie. Waren es zu Beginn des vorigen Jahrhunderts vorwiegend osteuropäische Arbeitskräfte, so schufteten – immer zu minimalen Löhnen – im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts Jüdinnen*, Italienerinnen*, Latinas* und Chinesinnen*. Es wäre nicht Amerika, würden nicht auch Erfolgsgeschichten von der Verwirklichung des amerikanischen Traums erzählt. Im Vordergrund steht dabei das Geschäft mit der Schönheit: Kosmetik und Körperpflegeprodukte. Madam C.J.Walker’s Vegetable Shampoo (1910-1920) erzählt die Geschichte einer der ersten Self-made- Millionärinnen in den USA. Die Afroamerikanerin entwickelte eine Beauty- und Haarpflegeproduktlinie für Schwarze Frauen. Um auch ihren Mitschwestern zu finanzieller Unabhängigkeit zu verhelfen, bildete sie Tausende zu „Walker agents“ aus. Als erfolgreiche Schwarze Frau repräsentiert sie eine der vielen, deren Geschichte bisher aufgrund ihrer Hautfarbe nicht erzählt wurde. Neben Rassismus und Diskriminierung thematisiert das Frauenmuseum „Geschlechtsidentitäten“. Damit gelangen wir in den Meat Packing District im äußersten Westen der Stadt, der an das Greenwich Village angrenzt. Vom Metzgerei und Schlachthofflair zur Schickimicki-Szenerie spannt sich der Entwicklungsbogen über das Stadtviertel. Zur Zeit meines ersten NYC-Aufenthalts 1980, waberte über der gesamten Metropole noch der Ruf der Gefährlichkeit. Ich erinnere mich an die Bowery, eine Gegend im Süden Manhattans, mit eingeschlagenen Fensterscheiben, vielen Obdachlosen und berüchtigt wegen der hohen Kriminalitätsrate; an bis auf den letzten Quadratmillimeter zugesprayte U-Bahnwagons und an die No-go-Gebiete, zu denen damals auch der Meat-Packing-District zählte. Sexclubs, Dragqueens, Transgender- Sexarbeiterinnen* – davon galt es sich als Touristin fernzuhalten. Ein Foto in der Ausstellung erinnert an diese Zeit, in der trans New Yorkerinnen* gesetzlich nicht vor Diskriminierungen geschützt waren. Sexarbeit war eine der wenigen Möglichkeiten, sich über Wasser zu halten, ungeachtet all der mit ihr verbundenen Gefahren.
Prostituierte konnten bei der Freierwerbung auf der Straße wegen Stadtstreicherei eingesperrt werden. In ihren provisorischen Unterkünften in Subwaystationen, unversperrten Trucks und auf städtischen Lagerplätzen waren sie tätlichen Angriffen, Missbrauch und Diebstahl ausgesetzt. Hier schrieb Marsha P. Johnson (1945 – 1992) Geschichte. Als Schwarze Transfrau wusste sie, was Diskriminierung heißt. Sie kämpfte an mehreren Fronten für ihre Bürgerinnen*rechte. 1970 war sie Mitbegründerin* der Aktivistinnen*gruppe STAR (Street Transvestite Action Revolutionaries), die Obdachlose, Transgender-Personen und Dragqueens unterstützte. Eine ihrer großen Errungenschaften war die Durchsetzung eines Gesetzes in NYC gegen die Diskriminierung auf Basis der sexuellen Orientierung (1986). Hinter dem „P“ in ihrem Namen verbirgt sich ihr Motto: „Pay it no mind.“ Damit bestärkte sie sich selbst, Leute zu ignorieren, die grausam waren und sie nicht verstanden. Ihre Leiche wurde im Hudson River gefunden. Ermordet? Der Todesursache wurde nie nachgegangen. Seit den 1990er-Jahren entwickelte sich die Gegend des Meat Packing Districts durch Gentrifizierung zu einem angesagten Szeneviertel mit Boutiquen, Einkaufsmärkten und Restaurants. Die ehemalige Hochbahntrasse der industriellen Fleischverarbeitung verwandelte sich in den „High-Line-Park“, eine begrünte Freizeitzone, an dessen Hauptaufgang nun das Whitney Museum of American Art steht. Im Thema „Straßenverkauf“ verbindet das Frauenmuseum Geschichtliches mit Gegenwärtigem. Die Abbildung „The Strawberry Girl“ (1840 – 44) zeigt, dass Frauen ohne Zugang zu einer formellen Beschäftigung im Laufe der Zeit immer wieder versuchten, durch den Verkauf von Waren auf der Straße etwas Geld zu lukrieren. In den 1930er-Jahren führten extrem limitierte Genehmigungen zu einem florierenden Schwarzmarkt. In der COVID-19 Pandemie griffen Einwanderinnen* ohne Papiere und Anspruch auf Hilfsgelder zum Mittel des Straßenverkaufs, um sich durchzubringen. Ein „Decorated delivery bag“ (2020) zeigt die Hilfsbereitschaft, die aufgrund fehlender staatlicher Unterstützung in Krisenzeiten für Arme besonders wichtig ist. Mit Lebensmitteln und anderen täglichen Notwendigkeiten gefüllt, verteilten sie New Yorkerinnen* an ihre bedürftigen Mitbürgerinnen* in den Zeiten der Covid-Pandemie.
Am Ende der Ausstellung regen nackte Zahlen zum Lohngefälle zwischen Frauen und Männern die Besucherin* nochmals zum Nachdenken an. Für jeden Dollar, den Männer verdienen, bekommen Frauen für ihre Arbeit nur 82 Cent, Schwarze und lateinamerikanische Frauen noch einmal 20 Cent weniger. Dazu werden de Besucherin* folgende, das Ausstellungsthema abrundende Fragen mit auf den Weg gegeben:
Was wäre, wenn Frauenarbeit besser bezahlt wäre als die eines Uni-Professors?
Wer bestimmt die Wertigkeit der verschiedenen Arbeiten?
Sollten nicht alle Berufe das Gleiche verdienen?
Marianne Wimmer
Frauenmusemsammlerin
