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Von der Faser zum Kleid

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Im Monat September stellen wir Euch in unserer Rubrik „Frau des Monats“ Renata Sichan vor, für die das Arbeiten mit Naturfasern nicht nur Beruf, sondern vor allem Berufung ist: Durch Zufall zum Filzen gekommen, kreiert sie aus Wolle – aber nicht nur – besondere Einzelstücke, die nicht nur ästhetisch ansprechend sind, sondern die aufgrund der Verwendung von Naturfasern auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Im folgenden Interview erzählt uns Renata Sichan mehr über ihre Berufung und wo sie dafür noch Potential sieht, aber auch darüber, was ihr Kraft gibt und sie inspiriert.

Hallo Renata, kannst Du Dich bitte kurz vorstellen?

Ich heiße Renata Sichan und bin in der ČSSR geboren. Nach der Grundschule habe ich das Gymnasium besucht und das Abitur im Bereich Bauwesen abgelegt. Meine Mutti war eine sehr strenge Frau und ich habe als Kind im Alter von acht Jahren Stricken, Häkeln, Nähen und Kochen beigebracht bekommen. Dafür bin ich auch unendlich dankbar. Auch meiner Tante habe ich viel zu verdanken: Sie war Hutmacherin und sie hat die Liebe und die Neugier in diese Richtung in mir geweckt.

Was hat Dich dazu bewogen, nach Südtirol zu kommen und zu bleiben?

Ich bin tatsächlich nach Südtirol gekommen um Ski zu fahren, allerdings in Verbindung mit meinem eigentlichen Beruf in Deutschland als medizinische Fußpflegerin. Wir besitzen eine kleine Pension im Schnalstal und so wollte ich meinen alten Beruf in der Pension weiter ausüben, was ich auch eine kurze Zeit lang tat.

Renata, kannst Du unseren Leser/Innen ein wenig über das Filzhandwerk erzählen, wie Du dazu gekommen bist und welche Bedeutung es für Dich hat?

Zum Filzen bin ich über Umwege gekommen: Ich wollte für meinen Mann einen Pullover stricken und die Wolle dazu bekam ich von Finailhof (wir sind verwandt). Ich bin oder war überzeugt, wenn die Bauern/Bäuerinnen Schafe haben, dann verkaufen sie die eigene Wolle, die verarbeitet wird, an die Gäste, die dann (auch) im Urlaub stricken können bei schlechtem Wetter.

Zu meiner Überraschung war dem nicht so.

Daraufhin wurde mir von der Dame, die als Frühstücksbedienung in der Pension meines Mannes arbeitete, die „Winterschule“ im Ultental empfohlen um mich dort zu erkundigen und informieren.

Das tat ich und so fing mein Weg zum Filzen an!

An der Winterschule Ulten habe ich das Hauptfach Filzen und 2 Nebenfächer (Spinnen und Färben) absolviert, ohne einen Kurstag zu versäumen. Die Begeisterung war so groß, dass ich angefangen habe, Aufbaukurse und Spezialisierungskurse in Südtirol und auch in Deutschland zu besuchen. Das Filzen ist einfach eine sehr entspannende Arbeit mit viel Gespür für Fasern diverser Art in Verbindung mit Wolle. Der Kreativität kann man freien Lauf lassen und das ist für Frauen, die handwerklich tätig sind, sehr wichtig – für mich ist es wie Yoga. Es bereichert mich seelisch, körperlich und mental.

In diesem Beruf ist es auch sehr wichtig, Kenntnisse in Mathematik und Schnitt-Erstellung zu haben, um mit eben diesem Wissen zu arbeiten und selbstständig seine Modelle zu zeichnen und zu vergrößern.

Das Gefühl, aus einer Handvoll Wolle eine Tunika, einen Rock, ein Kleid oder Stulpen zu erschaffen, dieses Kreativ- Sein, ist einfach unschlagbar und wenn am Ende ein schönes und neutrales Stück seinen Käufer findet, ist die Sache sehr befriedigend und darum geht es mir.

Kann altes Handwerk heute noch interessant sein?

Selbstverständlich, gerade in der heutigen Zeit, gerade, was das Filzen anbelangt, wo ja in erster Linie Wolle verwendet wird:  Wir tragen oft Kleidung aus Kunstfaser, die auf der Haut getragen nicht unbedingt gesund ist. Dabei könnten wir schöne hochwertige Kleidungsstücke aus Wolle oder Wollgemisch haben, die atmungsaktiv und temperaturausgleichend sind, und obendrein auch noch einfach zu pflegen sind.

Es ist immer wieder schön zu hören, dass die Kundschaft überrascht ist, dass das Filz-Handwerk auch moderne, leichte und elegante Produkte hervorbringen kann. Oder als Schuhwerk: Da gibt es nichts besseres als gefilzte Wollschuhe, die unseren Füßen guttun.

Schöne Wollmischungen – mit Seide oder Edelfasern – sind eine wunderbare Alternative zu Kunstfasern und es ist viel Potential da, das auf innovative Köpfe wartet, die durch die Nutzung alter Handwerkstechniken und dieser wunderbaren Materialien Neues hervorbringt, wie es etwa in der Winterschule Ulten schon geschieht. Dabei hoffe ich, dass deren Schüler/Innen animiert werden, auch dauerhaft im Bereich des Filzens tätig zu sein.

Welches sind Deine Visionen für die Zukunft?

Hinsichtlich der Wollverarbeitung: Ich sehe da sehr viel Potential – so kann es für Bäuerinnen und Bauern interessant sein, ihr Tätigkeitsfeld auf diesen Bereich auszuweiten: Altes Handwerk gewinnt wieder an Bedeutung – anstatt Massenproduktion geht der Weg hin zu Herstellung von Einzelstücken und individueller Maßanfertigung – und folglich könnten sich neue Arbeitsfelder auftun.

Mit Wolle zu arbeiten bedeutet auch eine Hinwendung zu den Wurzeln und vielleicht hätte genau das positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Im Therapiebereich etwa gäbe es verschiedene Einsatzmöglichkeiten: So hatte ich in den vergangenen Jahren verschiedene Begegnungen mit an Brustkrebs erkrankten Frauen, die aufgrund der besonderen Eigenschaften von Naturfasern nach Bekleidung aus Wolle und Seide, aber auch Kaschmir gesucht haben: In diesem Bereich gibt es noch viel Luft nach oben.

 Wie stehst Du zu Deinem Frau-Sein, welche Frauenthemen liegen Dir besonders am Herzen?

Dieses Thema ist mir sehr wichtig. So kann ich das, was mir in die Wiege gelegt worden ist, auch weitergeben. Die Liebe, die Freude am Da-Sein, das Handwerk, die Kunst, sich jeden Tag an Kleinigkeiten zu erfreuen, das macht mich aus und das möchte ich so auch weitergeben: „Schenke und Du wirst beschenkt werden.“

Welche sind Deine Kraftquellen?

Ich habe verschiedene Kraftquellen, aus denen ich schöpfe:

  • So tanke ich Kraft aus der Idee zu einem neuen Produkt, das ich entwickle: Die Vorfreude auf das Endprodukt, wo man mit der neuen Aufgabe auch wieder weiterwächst.

  • Weiters inspirieren mich Gespräche mit Menschen, die selbst kreativ sind und neue Dinge entwickeln.

  • Mein Ehemann ist für mich ebenso ein Kraftmotor, der meine Begeisterung teilt und sich mit mir über meine neuen Kreationen freut.

  • Weitere Kraftquellen sind die Bewegung in der freien Natur, das Sammeln von Kräutern, das Seifen sieden, Marmelade einkochen, Ski fahren und generell mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

 

Gibt es ein Lebensmotto, das Du mit unseren Leser/Innen teilen möchtest?

Mein Lebens-Motto ist es, mich stets weiter zu entwickeln; das ist mir persönlich sehr wichtig, u. z. so lange, bis es nicht mehr weiter geht. Ich denke, das hat mit meinem Ehrgeiz zu tun. Dabei empfinde ich es als großes Glück, in einem Bereich tätig zu sein, der mich erfüllt: Das ist wie eine Belohnung und spiegelt sich dann auch im Endprodukt wider.

Hast Du Vorbilder, gibt es Menschen, die Dich inspirieren?

Vorbilder gibt es: Für mich sind all jene Personen, die selbstständig etwas auf die Beine gestellt haben, die Größten.

 

 

Interview: Claudia Winkler

 

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