EDMONTON – eine Stadt, an die ich mich gewöhnen muss. Die Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta und fünftgrößte Stadt Kanadas schüchtert mich, als Fußgeherin ohne fahrbaren Untersatz, ein.
Mit seinen breiten Avenues und den Entfernungen von einem Straßenblock zum anderen, wurde diese Stadt für automobile Menschen gebaut, ohne Zweifel konzipiert für das Fortkommen auf vier Rädern. Trotz der ca. 1 Million Einwohnerinnen* fühle ich mich beinahe einsam, wenn ich durch die Straßen spaziere. Wenige Exemplare meiner Sorte begegnen mir auf den Gehsteigen, unter ihnen nicht wenige Junkies und Menschen, mit denen es das Leben nicht so gut meint. In den halbleeren Bussen und Stadtbahnen findet die Benutzerin* immer genug Platz.
Nach einem zehnminütigen Fußmarsch zur Stadtbahnstation in Downtown Edmonton, fahre ich einige Stationen mit der „Valley Line“. Weiter geht es zu Fuß, schwache 2 km durch beschauliche Vorstadtidylle: Einfamilienhäuser, mit Bäumen und parkenden Autos gesäumte Straßenzüge; ein Vater mit seinem Zweijährigen, der auf dem Gehsteig seine ersten Gleichgewichtsversuche auf seinem Minifahrrad wagt; eine Frau führt ihren Hund spazieren; schräg gegenüber wird ein Kofferraum fürs Picknick gepackt; plötzlicher Rasenmäher lärm, der die paradiesische Behaglichkeit zerreißt; hin und wieder, überraschenderweise, weil ungewohnt in diesem Land – eingezäuntes Glück.
Vom ersten Anblick an bin ich von der Örtlichkeit, an der sich das Frauenmuseum befindet, eingenommen. Mit seinen roten Dächern, die als Farbtupfer und wie Schutzkappen die Gebäudeteile abschließen, wirkt das Bauwerk heimelig. Über eine Treppe steige ich hinunter ins Café „Biciclette“, das sich mit seinem Gastgarten in einen sanft abfallenden Hügel schmiegt. Von hier aus betrete ich die „La cité frankophone“, ein Kulturzentrum, das die französische Kultur und Sprache in Kanada fördert.

Als Sitz frankophoner Organisationen beherbergt es Konferenz-, Büro- und Veranstaltungsräume und im 2. Stock, den ich über eine lichtdurchflutete Rotunda mit zentraler Treppe erreiche, das Frauenmuseum, in dem es um bildende Kunst von Frauen geht:
Women’s Art Museum of Canada
118, 8627, rue Marie-Anne Gaboury
Suite 200
EDMONTON, AB
wamsoc.ca
Im 2. Stock angelangt, lenkt in einer Koje ein großer TV-Screen meinen Blick auf sich. Einige Bilder genügen und ich weiß: Hier bin ich richtig. Die Werbe-und Lockstrategie Danielles, der Gründerin des Frauenmuseums, geht auf. Über den Schirm laufen 3 kurze Bildsequenzen, die die am Gang Vorbeigehenden verlocken sollen, einen genaueren Blick ins Frauenmuseum zu werfen. Gleich die erste Bildserie „Animal“ zur Arbeit der Studentin Layla Ione Lalchan, lässt mich verweilen. Über den Prozess des Malens verarbeitet sie ihre schockierenden Erlebnisse einer Japanreise, auf der sie Prostituierte sah, um deren Hals ein Preisschild baumelte, das den „Wert“ zeigte, für den sie ihren Körper verkauften. Mit der Farbe Grün, die das triste Grau in den Bildern nach und nach ablöst, bringt die junge „Künstlerin“ Hoffnung in das Leid, das sie fühlte und verweist auf den menschlichen Wert der Prostituierten, den sie für sie empfindet. Kurz darauf entdeckt mich Danielle, heißt mich herzlich willkommen und holt mich in die Räumlichkeiten des Frauenmuseums. Gleich beim Eingang rechts sehe ich die Bildserie „Animal“ ausgestellt und Danielle erklärt:
„Ich nenne diese Ecke den ‚community corner‘, in dem wir Arbeiten ausstellen, die während der Besuche von Schülerinnen* im Museum entstehen. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, jungen Frauen eine Stimme zu geben. Wer weiß, ob aus Layla Ione Lalchan nicht eines Tages eine Künstlerin wird.“
Mit wenigen Sätzen schafft es Danielle, Leben in die kleinen Räume zu bringen. Sie erweist sich als Meisterin im Storytelling und als Tausendsassa, mit unzähligen kreativen Ideen und mit großem Durchhaltevermögen, das sie als Gründerin des Museums brauchte und immer noch braucht. Ihr zuzuhören ist anregend und erfrischend. Schritt für Schritt, wie man einen Berg besteigt, geht sie ihre Vorhaben an. So ist es nicht verwunderlich, dass aus dem ursprünglichen Museum, einem 9 m² großen Raum, den sie selbst ausmalte, mittels Verhandlungsgeschicks zwei wurden, aus der doppelten Ausstellungsfläche von 18 m² schließlich die derzeitigen 46m² in 3 Räumen. Und es wäre nicht Danielle, liefe das TV-Gerät im „project space“ gegenüber nicht auf Rädern: „Schiebe ich den Fernseher auf den breiten Gang vor der Eingangstür, erweitere ich mein ‚Museum in der Nussschale‘ nochmals um einige Quadratmeter“, meint sie verschmitzt. Die Ausstellung im ersten Raum titelt: „Thoughts of a Woman“ und vermittlet eines der Anliegen, das Danielle mit dem Frauenmuseum verbindet: „Hier sollen die Frauen einen Platz vorfinden, in dem sie ihre Gedanken frei äußern können, ohne Maulkorb, ohne Furcht zurecht- oder zurückgewiesen zu werden. Es soll ein Raum sein für die Stimmen der Frauen.“
Beispiel verweist sie auf das Selbstporträt der Künstlerin Bushra Yousaf, das Fragen zum Selbst-und Fremdbild von Frauen aufwirft:
Wie werden wir Frauen gesehen? Welches Image (er-)schaffen wir durch unser Aussehen?
Danielle erzählt: „Bewusst gestaltete Yousaf ihr Porträt ohne Hautfarbe, denn sie will nicht, dass die Ethnizität im Vordergrund steht, sondern ihr ‚wahres Selbst‘ ohne Vorurteile gesehen werden kann. Ich kenne die Künstlerin persönlich. Hier auf dem Bild zeigt sie sich bewusst dünner.“ Für Danielle ist die Geschichte hinter den Bildern wichtig: Wer ist diese Künstlerin? Warum malt sie gerade diese Bilder? In welchem Zusammenhang mit ihrem Leben stehen ihre Werke? Deshalb achtet sie darauf, in ihrer Sammlung den künstlerischen Entwicklungsprozess zeigen zu können: das Frühwerk einer Künstlerin, um zu sehen, wie ihre Kreativität startete, Bilder der mittleren Schaffensperiode bis hin zu ihrem Alterswerk. Die allgemeine Feststellung, dass es nicht immer leicht ist, Künstlerinnen aus früheren Zeiten zu entdecken, erwähnt Danielle beim Betreten des 2. Ausstellungsraums: „Viele Frauen schrieben anstelle ihres Vornamens nur dessen Initiale, um als Mann durchzugehen und die Chance auszustellen nicht von vornherin zu vereiteln. In vielen Frauen wurde nicht ihre Kreativität gesehen, sondern sie wurden lediglich als Muse eines bedeutenden Malers in die Geschichtsbücher aufgenommen.“ Die Überschrift „Abundance“ soll aufzeigen, dass es in den 1970er-Jahren viele unentdeckte kreative Frauen gab. Eine Studentin der Politikwissenschaften gestaltete diesen Raum, nachdem sie sich mit der Bildenden Kunst dieser Zeit auseinandergesetzt hatte. Hier finde ich mein Lieblingskunstwerk der Ausstellung, und zwar in Shirley Serviss „What ever happened to Happily Ever After“.

Mir gefällt das politische Statement dahinter, das für mich ein Filetstück des Feminismus zum Vorschein bringt: „Was passierte mit dem ‚Glücklich bis ans Ende der Tage‘?“ Wo kam es hin, dieses märchenhafte Versprechen? Von Kindesbeinen an werden wir Frauen mit den perfekten Märchen für weibliche Karrieren und Lebensläufe gefüttert: mit den Prinzen samt Dornröschen und Aschenputteln, deren wahrer Wert letztendlich von einem männlichen Wesen entdeckt und gewinnbringend eingesetzt werden kann, bis ans glückliche Ende der Tage. Ja, wir besitzen die perfekten Märchen, aber wo enden viele Frauen in der Realität?
„We are only one step away from slavery.“
Kristin van Eyk, Mitbegründerin des Women’s Art Museum of Canada
Danielle ist davon überzeugt, dass ein Museum das Leben der Menschen verändern soll. Sie erzählt dazu eine Geschichte, die sie mit einer elfjährigen Museumsbesucherin erlebte und die sie sehr berührte: „Fasziniert blieb das Kind vor dem Bild ‚Catherine‘ der Künstlerin Irene Hoffar Reid (1908-1994) stehen und starrte wie gebannt auf das im Gemälde dargestellte, etwa gleichaltrige Mädchen. Es sah aus, als würde die Elfjährige eine emotionale Verbindung zu ihrem gleichaltrigen Gegenüber spüren, etwas, an dem es andocken konnte.“ Die Versunkenheit des Kindes bestärkte in Danielle den Eindruck, dass die Bildende Kunst fähig ist, Zeiten und Generationen zu überwinden, eine menschliche Verbindung mit der Vergangenheit aufzunehmen. Es fällt auf, dass das Frauenmuseum nur kleine Bilder ausstellt, was dem Umstand seiner „Größe“ geschuldet ist. Doch: Malen Frauen generell kleinere Bilder? Beschränken sie sich auf kleinere Formate? Ein Detail, das Danielle erwähnt, macht stutzig. Irene Hoffar Reid begann ab ihrer Heirat und mit dem Eingebundensein in die täglichen Notwendigkeiten der Haushaltsführung , kleinere Kunstwerke zu schaffen. Noch nachdenklicher stimmt mich, als ich erfahre, dass nicht nur die Formate schrumpften, sondern die Künstlerin ebenso die thematische Vielfalt reduzierte. Eine logische Konsequenz ihrer neuen Lebensweise als Hausfrau? Anstatt Ausflüge in die Natur zum Zeichnen und Malen zu unternehmen, wie z.B. in die North Vancouver Indian Reservation, legte Hoffar Reid ihre täglichen Meilen im Haushalt zurück, der auch ihre geistigen Ausritte beschlagnahmte.
Vor einem Werk Myra Kukiiyaut’s (1929-2006), einer Künstlerin der First Nation, thematisiert Danielle einen weiteren Aspekt, der für das Sammeln und den Ankauf von Kunstwerken wichtig ist: „Wir sehen es als unsere Aufgabe, alle Teile des Landes über unsere Sammlung zu verbinden, keine leichte Aufgabe im zweitgrößten Land der Welt. Dahinter liegt die Idee, die Künstlerinnen Kanadas zu verbinden und ein besseres Verständnis für sie zu gewinnen.“ Neben Schenkungen sucht Danielle Bilder aus, die für sie als Künstlerin visuell stark sind. Allerdings sammelt bzw. kauft sie auch Werke, die ihr persönlich nicht gefallen, aber eine historische Bedeutung für die kanadische Kunst besitzen. In Danielles Feststellung: „Frauen brauchen große Räume, um ihre Geschichten, die größer sind, als das Leben, erzählen zu können“, schwingt für mich ihre zukünftige Vision von einem repräsentativen Frauenmuseum mit, das auch große Formate ausstellen kann. In meiner Fantasie sehe ich sie bereits die marmornen Treppen eines stilvollen Gebäudes hinaufschreiten, aus ihrer „Nussschale“ in einen „Palast der Künste“ für Frauen.
Nach dem Verlassen des Frauenmuseums entdecke ich eine Plakette zur Namensgeberin der Straße: Marie-Anne Gaboury (1780-1875). Sie war die erste Frau europäischer Abstammung, die in das heutige Westkanada einreiste und sich dort in der kanadischen Provinz niederließ. Mit ihrem Ehemann Bisons zu jagen und Fallen zur Pelztierjagd zu stellen, zählten zum täglichen Arbeitspensum dieser frankokanadischen Pionierin. Eine würdige Adresse für ein Frauenmuseum, denke ich, denn auch Frauenmuseen erledigen Pionierinnenarbeit, indem sie eine Schneise ins Dickicht des männlichen Herrschaftswissens schlagen.
Marianne Wimmer Frauenmuseumsammlerin
