Frau Marianne Wimmer hat uns ihren nächsten Beitrag zukommen lassen!
Was für ein Frauenmuseum hat Sie diesmal besucht?
Auffällig und deutlich sichtbar, als ein Statement in Lila, zeigt „The Charlotte Museum“ in Auckland unübersehbar seine Existenz. Das Gebäude sticht ins Auge. Ich denke unweigerlich an die lila Latzhosen tragenden Feministinnen der 1970er-Jahre. Ja, genau, an diese männermordenden und -hassenden Weiber. Und lesbisch waren diese Emanzen allemal, einfach nicht normal und anrüchig. Dabei hatten die tatsächlichen Lesben ein angespanntes Verhältnis zu ihren um Gleichberechtigung kämpfenden Mitschwestern. Befürchteten doch die Hetero-Feministinnen ihre Forderungen nach Gleichstellung nicht durchsetzen zu können, würden sie lesbische Frauen in ihre Reihen aufnehmen. Sie meinten, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren und als Haufen Männerhasserinnen mit ihren Anliegen abgelehnt zu werden.

Das lila Kleidungsstück als Erkennungszeichen der Emanzen ist verschwunden, aber die Farbe wirbt immer noch für Gleichberechtigung und gilt als Farbe der Frauenliebe und der Homosexualität. So transportiert die Außenhaut des Gebäudes über ihre Farbigkeit bereits die sozialpolitische Agenda des Frauenmuseums. Weist die von der Hauswand flatternde Regenbogenfahne auf die Erweiterung zur inklusiven queeren Szene von heute hin? Die kritisch–reflektierende Haltung der Museumsfrauen bezüglich der laufenden politischen Debatten bemerkte ich bereits bei der Kontaktaufnahme mit ihnen. Die Äußerungen und Kommentare zu den australischen Frauenmuseen auf meiner Liste klangen eindeutig: „…..unsurprisingly quite a colonial / ‚pioneer‘ focus of course.“ Zusätzlich erhielt ich die Anregung, die „Lilac Library“ in Wellington zu besuchen, eine Bücherei und ein Dokumentationszentrum, „a women’s only space“. Mit diesen Eindrücken im Vorfeld betrete ich das Gebäude und freue mich auf eine anregende Auseinandersetzung mit den Ausstellungsinhalten über eine mir neue Welt – die lesbische Lebenswelt.
Bunt und farbenfroh lockt eine Pinnwand mit Ansteckern zur genaueren Betrachtung. Von harmlos-lieb über humorvoll und keck bis kraftvoll politisch wirken die Kurzbotschaften auf mich: „Arms are for hugging“ – „I brake for lesbians“ – „I love lesbian tongues“ – „Rape is about violence not sex“. Auch das für homoerotisch begehrende Frauen als Schimpfwort verwendete „dyke“ erobern sie sich zurück, indem sie es selbst verwenden und beanspruchen. Eine beliebte und wirksame Strategie, mit diffamierenden Ausdrücken konstruktiv umzugehen. Lesbisches Selbstverständnis, Aids, Teilnahme an der Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung, Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen – kurz und prägnant erschließen die Anstecker den thematisch dichten Kosmos, der über die Jahrzehnte das lesbische Bewusstsein schärfte. In ihrer Buntheit entsprechen die Buttons viel mehr dem heutigen queeren Ansatz als die Farbe Lila, in die das Frauenmuseum gehüllt ist, kommt mir in den Sinn.

Erklären sich die Anstecker mit ihren Aussagen von selbst, freue ich mich über die zur Verfügung gestellten Texte mit Erklärungen in Form eines Saalheftes zu den übrigen Objekten und Bildern. Für Insiderinnen* mögen die Ausstellungsstücke selbstredend sein, für mich sind die bereitliegenden Erläuterungen unabdingbar. Mittels Lageplan zu den Bildern und Nummern bei den Ausstellungsstücken ist die Zuordnung etwas mühsam, eine Beschriftung bei den Bildern wäre für das Auffinden hilfreich. Gerne könnten die Ausführungen gehaltvoller, also umfassender und tiefgehender, sein. Auf mich wirken die Ausstellungsinhalte ein wenig wie ein zusammengetragenes Sammelsurium. Ich würde mir wünschen, einen roten Faden in Form eines historischen Ablaufs vorzufinden, an dem ich mich entlanghanteln kann.
Vieles aus der Geschichte lesbischer Lebensweisen ist mir neu, z.B. das Ziel, in einer egalitäreren Gesellschaft zu leben, oder das Frausein und die Weiblichkeit zu feiern. Ein Wandbild von Vivi Jones mit dem Titel: „Map of Amazon Island“ verweist auf den Wunsch eines lesbischen Utopia. Ich erfahre, dass es Gruppen separatistischer Lesben gab, die ihren Weg, sich vom Patriarchat zu befreien, darin sahen, sämtliche Männer aus ihrem Leben zu verbannen.
Lieber einmal mit Schneewittchen als siebenmal mit den Zwergen!
Slogan auf einer Berliner Lesbendemo
Ich staune nicht wenig, in einer Vitrine namens „The Goddess Cabinet“, neben der Göttin Venus und einer Schlangengöttin, eine Nachbildung der heimatlichen „Venus von Willendorf“ zu finden. Flankiert wird sie von weiteren Venusfiguren aus der Melker Gegend, jener von Galgenberg und von Hopfenbühel. Was ist das Verhältnis dieser figürlichen Darstellungen zu den lesbischen Frauen des 21. Jahrhunderts in Neuseeland, am anderen Ende der Welt? „DieVenus von Willendorf verkörpert für uns das Streben nach Änderung der Vorstellungen, wie ein Frauenkörper auszusehen hat, um als schön zu gelten. Es gibt nicht nur schlanke Frauen, sondern die verschiedensten Körperformen. Wir wollen weg von dem einen „genormten“ Körper als Ideal“, erklärt mir Vida, eine der Frauen, die heute das Museum betreut. Dann ergänzt sie:„Generell suchen Lesben nach historischen Beweisen, dass es Liebe zwischen Frauen schon immer gegeben hat. Dabei beziehen sie sich speziell auf Geschichten aus dem vorchristlichen und antiken Griechenland bzw. Europa. Einige Objekte in der Vitrine sollen zeigen, dass es das Patriarchat und die Homophobie nicht immer gegeben hat“. Nun fällt mir wieder ein, dass die griechische Dichterin Sappho symbolisch für das gleichgeschlechtliche Begehren unter Frauen steht. Sie lebte auf Lesbos und deshalb bezeichnen wir weibliche Homosexualität als lesbisch und wir sprechen von „sapphischen“ Beziehungen, wenn wir Liebesverhältnisse zwischen Frauen meinen.
„Manche sagen, es sei ein Reiterheer, manche sagen, ein Heer zu Fuß, wieder andere, eine Schiffsflotte sei es,
der schönste Anblick in dieser dunklen Welt, ich aber sage, es ist die, die du liebst.“
Sappho (ca. 613-580 v.Chr.), griechische Dichterin
In den griechischen Mythen tragen Amazonen eine Doppelaxt als Waffe. Mit ihren zwei gegenüberliegenden, gerundeten Schneiden an einem Griff in der Mitte zum Zupacken sehen sie entsprechend martialisch aus. Die Labrys oder Doppelaxt versinnbildlicht die Streitbarkeit der Amazonen und, in feministischer Auslegung, die Frauenbefreiung. Ebenso steht die Doppelaxt für eine matriarchale Gesellschaft, den Glauben an eine

Muttergöttin, die Weiblichkeit und die lesbische Lebensweise. In der Vitrine finden sich einige schöne Ausführungen dieses symbolträchtigen Ziergegenstands: in Silber mit eingravierten Mustern, als Verzierung auf minoischen Keramikvasen, in einer Ausführung aus farbigem Glas als moderne Variante. Besonders gelungen finde ich die Darstellung des Modells der Doppelaxt als Emblem auf dem Folder des Frauenmuseums. Den Griff bildet ein sich umschlingendes Frauenpaar. Die zwei Schneiden wirken wie Flügel – Engelsflügel?
Über weitere Ausstellungsstücke wie Ausgaben des Lesbian Newsletter (1990), einen Flyer zur Eröffnung des Auckland Lesbian and Gay-Zentrums (1994), den Folder zu einem Lesbian Meeting (1970), Einladungen zu Diskussionsgruppen, eine Broschüre zum Women’s Festival (1987), etc., gewinne ich den Einduck einer lebendigen Community, die sich gesellschaftlich einmischt und gemeinsam versucht, ihre Agenda zu promoten, es aber auch versteht, gemeinsam zu feiern.„Die unterschiedlichen Druckwerke bildeten die Hauptquelle für Lesbierinnen, über Veranstaltungen und politische Themen am Laufenden zu bleiben“, lese ich im Begleittext. Über einige der Publikationen, z.B. jener des „Circle“, die exklusiv für Lesben geschrieben wurden, wird im Frauenmuseum heiß diskutiert: Sollen/Dürfen sie öffentlich ausgestellt werden? Im Moment herrscht die Meinung, dass mit ihrer Präsentation die Geschichte der sapphischen Gemeinschaften gefeiert wird. Ein wichtiges Detail zur rechtlichen Situation homoerotischer Beziehungen in Neuseeland entnehme ich einer ausgestellten Hochzeitseinladung zur ersten legalen, gleichgeschlechtlichen Hochzeit in Aotearoa im Jahre 2013. In Österreich ist homosexuellen Paaren seit 2019 die standesamtliche Trauung möglich.

Bettüberwürfe, zusammengenäht aus T-Shirts und daher „T-Shirt-Quilts“ genannt, erzählen im zweiten Ausstellungsraum ber die Gründerin und die Gründungsgeschichte des „Charlotte Museum“. Ähnlich wie bei den Buttons geben die markanten Sprüche und Sujets auf den T-Shirts Einblick in das lesbische Selbstverständnis. In den frühen 2000er-Jahren arbeitete Dr. Miriam Saphira (geb. 1941) mit einer Gruppe lesbischer Frauen an der Bewahrung der eigenen Geschichte. Die erarbeiteten „Herstories“ sollten, zusammen mit den Ansteckern und den T-Shirt-Quilts, an das LAGANZ (=Lesbian And Gay Archive New Zealand) in Wellington überbeben werden.
Doch Textilien sind schwieriger zu lagern als Druckwerke und die Buttons wurden wegen möglichen Rosts abgelehnt. Das war der Startpunkt für die Museumsgründung. Seit 2007 erzählt das „Charlotte Museum“ als einziges Frauenmuseum weltweit über lesbische Kulturgeschichte: eine Geschichte von Gemeinschaft, Widerstand und dem Hinterlassen von Spuren in der Gesellschaft. Der Museumsname bezieht sich auf zwei lesbische Frauen namens „Charlotte“, die den ersten Lesbenclub Aucklands betrieben. Bezogen darauf könnte die Lage des Frauenmuseums nicht besser sein. Es liegt nahe der Karangahape Road, bekannt als K`Road, die selbt eine lange queere Geschichte aufweist. Seit 2023 bildet sie das Zentrum queerer Aktivitäten und firmiert als queerster Teil Aucklands. Doch wo bleiben die Geschichten der lebendigen, queeren Szene des heutigen Auckland im Frauenmuseum? Sie fehlen mir. Was ist mit der jungen Generation? In Bezug darauf bekommt die Farbe Lila einen etwas angestaubten Beigeschmack, denn meinem Eindruck nach präsentiert sich die lesbische Community heutzutage schrill und laut und queer, als LGBTIQA+ und damit verbinde ich die Farben des Regenbogens. Lila versus regenbogenfärbig? Im Gegensatz zur Ausstellung im Frauenmuseum, die sich auf die lesbische Geschichte bezieht, begegne ich dem Lebendigen der queeren Szene auf der Museumshomepage, auf der sich das Frauenmuseum als Raum für die Rainbow+ Communities präsentiert, mit Musik-, Film- und Quiznächten, Speed-Datings und inklusiven Ausstellungen, ganz im Sinne von:
„A day without lesbians,
is like a day without sunshine.“
Spruch auf einem Transparent anlässlich einer Kundgebung
Marianne Wimmer
