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Ein Museum mit kommunistischem Layout

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Sechs Stationen mit dem Bus, anschließend ebenso viele mit der U-Bahn – und dann: Exit B – Frauenmuseum. Vorbildlich. Wie es sich die ortsunkundige Reisende wünscht, findet sie den notwendigen Hinweis an passender Stelle, um im breiten Angebot an Möglichkeiten, den für sie vorteilhaftesten Ausgang beim Verlassen des Metrosystems zu erwischen. Nach einigen Metern über der Erde, von einem Paar aufmerksamer Augen als Ortsfremde gescannt, bietet mir eine Frau ihre Hilfe an und weist mir den Weg. Etwas versteckt in der zweiten Reihe, finde ich das riesige Gebäude, in dem sich das Frauenmuseum auf 6 Etagen über 35.000 m² ausbreitet, also auf zirka 7 Fußballfeldern:

China National Museum of Women and Children, No. 9, Beijige Road, Dongcheng District, Beijing / CHINA

Am Ticket-Service-Schalter erwerbe ich meine Eintrittskarte. Damit marschiere ich zum Eingang und durch die Sicherheitsschleuse, eine Prozedur, die ich mittlerweile von jeder U-Bahnstation gewohnt bin. Nach der beeindruckenden Dimension der Außenfassade des Gebäudes empfängt mich in der Eingangshalle eine, das Blickfeld beherrschende Malerei, die eine ganze Wand einnimmt. Sie deckt inhaltlich beide Themenbereiche des Museums ab, die bereits in seinem Namen anklingen, nämlich Frauen und Kinder. Ein Eiklar von seinem Dotter zu trennen scheint ein Leichtes im Vergleich zum Durchbrechen der Geschlechternorm, dass Frauen für die Kinder zuständig sind. Da tanzt China nicht aus der Reihe. In seiner typischen Art bietet der Malstil einen ersten Hinweis darauf, dass ein sozialistischer Geist durch das Museum weht. Den oberen Bildrand begrenzen vier Augen von Überwachungskameras, die der Besucherin streng entgegenblicken und ihre ersten Schritte überwachen.

Da es mir nicht möglich war, im Vorfeld Kontakt zum Museum herzustellen, starte ich am Serviceschalter im Eingangsbereich meinen ersten Versuch, in Englisch. Zur Antwort erhalte ich ein freundliches Lächeln und Worte, denen ich entnehme, dass ich nicht verstanden werde. Auch mein zweiter Versuch, bei dem ich mich an eine Aufsichtsperson in der Sonderausstellung im Erdgeschoss wende, scheitert. Allerdings nicht am fehlenden Englisch, sondern am nicht vorhandenen Willen. Auf meinen Wunsch nach einer Kontakt- Mailadresse verweist sie mich auf die Homepage des Museums. Danke, ich weiß, welche Informationen es dort (nicht) zu holen gibt. Ich gewinne den Eindruck, dass mein Anliegen nach Kontakt nicht besonders geschätzt wird. Zumindest erfahre ich, dass ich mich hier in einer Ausstellung zur Situation taiwanesicher Frauen befinde. Da englische Texte fehlen, begnüge ich mich mit einer kurzen Runde durch die Schau. Das genügt, um festzustellen, dass für die Taiwanesinnen alles eitel Wonne zu sein scheint. Von den Wänden strahlen mir lächelnde Frauengesichter entgegen – ausschließlich. Ich denke an das Verhältnis der beiden Länder zueinander.

Vorbei an den Ausstellungsräumen im 2. Stock, die den Kindern Chinas gewidmet sind, komme ich an den kyrillischen Buchstaben, die im 3. Stock auf eine Fotoausstellung aufmerksam machen, nicht vorbei. Auf den ersten Blick ist klar, dass die 70jährigen Beziehungen zwischen den Frauen der beiden Großmächte Russland und China gefeiert werden. Mit meinen geringen Russischkenntnissen finde ich zumindest heraus, dass es um die Stärkung des Austausches und der Freundschaft der Frauen beider Länder geht. Den Texten entnehme ich, dass sich ihre Beziehungen nicht nur durch gute Nachbarschaft und hoffnungsvolle Partnerschaft auszeichnen, sondern auch dadurch, dass sie sich als gute Genossinnen und nahe verwandte Schwestern trafen und treffen. Indem sich repräsentative russische und chinesische Frauendelegationen gegenseitig einladen und austauschen, bringen sie wichtige Beiträge für die Entwicklung der doppelseitigen Beziehungen ein. Und so weiter und so fort. Es dauert einige Zeit, zu Hause das einschlägige Vokabular im Wörterbuch nachzuschlagen, doch hat man sich eine Basis erarbeitet, kommt man gut voran. Der einmal eingeschlagene Stil der Texte ändert sich nicht. Vergangenes und Zukünftiges wird in schwülstigen, dafür relativ inhaltsleeren Floskeln abgehandelt. Fröhlich lachende Gesichter untermalen das Geschriebene.

Durch das lichtdurchflutete Stiegenhaus steige ich hinauf in das letzte Stockwerk, um mich in zeitlich umgekehrter Reihenfolge der Frauengeschichte entlangzuhangeln – vom Aufbruch der chinesischen Frauen in die Zukunft  zurück in die Frühzeit.

Als Österreicherin ist mir der Ausspruch eines ehemaligen Politikers zwar nicht mehr wortwörtlich, jedoch sinngemäß in Erinnerung: „Ohne Partei bin ich nichts“.  Auch in China verdanken die Frauen ihr Vorwärtskommen der kommunistischen Partei Chinas (=CPC) bzw. dem Vorsitzenden des Zentralkomitees ebendieser. Deutlich wird das in Worten, die als Standardformulierung auftreten und in die Museumstexte wie ein Ritus eingeflochten sind: „……...des Zentralkomitees der CPC, mit Kamerad Xi Jinping im Zentrum.…..“. Ein Beispiel: „Chinesische Frauen blieben unter der strengen Führung des Zentralkomitees der CPC, mit Kamerad Xi Jinping im Zentrum, der Partei gegenüber loyal und erreichten große Fortschritte in ihrer Karriere.“ Unter diesem Schutzmantel werden die Entwicklungen und Leistungen chinesischer Frauen in allen wichtigen Lebensbereichen dargestellt: Frauenrechte, Gesetze gegen häusliche Gewalt (2016), signifikante Verbesserungen im Bereich der Gesundheit, dramatische Verbesserungen im Bildungssektor, höherer ökonomischer Status in der Berufswelt, aktive Teilhabe der Frauen an der Politik und beim Aufbau der Demokratie „von unten“, soziale Absicherung durch Pensions- und Arbeitslosenversicherung. Das soziale Spektrum wird umfassend abgedeckt, samt Hinweis auf ökologische Bereiche, in denen Frauen ihren Beitrag leisten können und wollen, wie Energiesparen, Vermeidung von Emissionen und Müll. Sie sollen einem Lebensstil frönen, der ihren CO 2-Ausstoß geringhält. Auf diese Weise sorgen sie für eine bessere Umwelt, die das Überleben und die Entwicklung von Frauen ermöglicht. Frauen werden motiviert und gelehrt, wie sie durch das Praktizieren der zentralen sozialistischen Werte im Alltag oder durch ideologische und politische Arbeit, der Partei folgen können. Frauenverbände leiten die Frauen an, sich um das Zentralkomitee der CPC, mit Kamerad Xi Jinping, zu scharen. Neben diesen langweiligen und immer gleichen Lobgesängen auf die Partei und seinen Generalsekretär, Präsidenten und Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission der Partei, verweisen Zitate Xi’s auf seine Wertschätzung gegenüber den Frauen und auf ihre große Bedeutung, die sie einnehmen, indem sie die traditionellen familiären Werte hüten und an die nächste Generation weitergeben.

Ein Stockwerk tiefer betrete ich die „Halle des zeitgenössischen China“, wobei hier die Zeit ab der Gründung der Volksrepublik Chinas im Jahre 1949 gemeint ist. Ein kurzer Überblicksrundgang kommt zum Schluss: Nichts Neues im 5. Stock: China, ein Paradies für Frauen – von den Wänden lauter lachende Mienen, ritualhaft auch hier die Lobeshymnen auf die Partei in dreifacher Ausführung:

  • die grandiosen Errungenschaften, die die kommunistische Partei für die Frauen des Reiches der Mitte erreichte
  • wie fruchtbringend und kämpferisch sich die Frauen mit ihren Talenten und Fähigkeiten in der Partei einbringen und den Sozialismus mit chinesischem Charakter vorantreiben und
  • wie großartig die Partei die Frauen in allen Lebensbereichen fördert, ihre Lebenssituation auf allen Linien verbessert (siehe 6. Stock, nur jetzt für die Zeitspanne davor)

Obwohl es im Tonfall der Großartigkeit weitergeht, empfinde ich es entspannend und als kleine Abwechslung, bei einem Gang durch die „Halle der Internationalen Freundschaft“ wunderschöne Souvenirs und Geschenke aus aller Welt zu betrachten.  Dabei fallen mir vor allem Länder des ehemaligen Ostblocks bzw. frühere Sowjetrepubliken auf. Staaten, die den westlichen Ländern zugezählt werden, sind weniger zahlreich vertreten. Aber mein Augenmerk gilt vielmehr der Weltkarte, die aus chinesischem Blickwinkel auf unsere Erde schaut und dazu geeignet ist, die eigene Weltsicht zu hinterfragen. Ich freue mich, denn solch ein Modell von Welt hängt zu Hause über meinem Bett. Erinnerungen werden wach. Auf meiner ersten Chinareise vor nunmehr 29 Jahren schlenderte ich, auf der Suche nach einem Mitbringsel, durch lärmige Geschäftsstraßen, als mein Blick auf einer Landkarte hängenblieb. Etwas irritierte mich an dieser Darstellung der Erde. Im ersten Moment merkte ich nur meine Verwunderung und es brauchte einige Zeit, bis mir bewusst wurde, was die Konfusion in mir wachrief. Wie vom Blitz getroffen erfasste ich, dass mir bisher unser Heimatplanet anders vermittelt worden war. Andere Länder bildeten das Zentrum der Welt. Hier befand sich in der Mitte der Karte der Pazifische Ozean, mit Australien als einzigem Festland weit und breit. Das gefiel mir aufs erste sehr gut, denn diese Sichtweise entsprach der Bezeichnung „Der blaue Planet“, mit dem die AstronautInnen ihre Eindrücke mit Blick aus dem Weltall beschreiben. Auf den zweiten Blick nahm ich wahr, dass als zentrale Landmasse Asien, speziell das Reich der Mitte, hervorstach. Und wo waren wir verortet? An den Rändern der Weltkarte. Amerika – Nord und Süd – auf der rechten Seite, ebenso Europa in Randposition links oben – beide Kontinente ordentlich verzerrt. Unbedeutend waren wir „Westler*innen“ jedenfalls, als würden wir beim nächsten kleineren Erdbeben ohnehin aus der Welt kippen. Alles eine Frage der Perspektive – inklusive meiner Eindrücke hier im Frauenmuseum.

Neben dem freundschaftlichen Austausch zwischen den Ländern geht es in der „Halle der internationalen Freundschaft“ auch um die Arbeit chinesischer Frauen für den Weltfrieden, die Teilnahme chinesischer Frauendelegationen an internationalen Symposien, Foren und UN-Konferenzen und um das Engagement chinesischer Frauen in Form gegenseitiger Hilfe und Kooperation in den sogenannten Entwicklungsländern.

In der Hoffnung, die Szenerie der Lobhudeleien hinter mir zu lassen, tauche ich auf der 4. Etage in die Zeiten Chinas vor der Gründung der Volksrepublik ein. Tatsächlich – es wird besser. Ganz ohne geht es auch hier nicht, denn die kommunistische Partei wurde bereits 1921 gegründet. In der „Halle der Frühzeit“ spannt sich der Bogen von den matrilinearen Klans der „primitiven“ Gesellschaften (beginnend vor 1,7 Milliarden Jahren), über den Wechsel zu den väterlichen Blutsbanden samt Patrilinearität bis zum System der Feudalzeit, in der Frauen einen niedrigen sozialen Status innehatten und an Vorurteilen und Unterdrückung litten. Die für mich geschichtlich spannendste Zeit, die auch noch ohne Parteisprech auskommt, finde ich in der „Halle des modernen China“. Ich erhalte einige Hinweise, dass es frühe Feministinnen gab, die sich für Frauenrechte und -bildung einsetzten. Die ersten begegnen mir im Abschnitt „Vom Opiumkrieg 1840 bis zur Revolution 1911“. Unter den Heldinnen der Revolution von 1911 entdecke ich Qiu Jin (1875 – 1907), die mir aus dem Buch Mulans Töchter bekannt ist. Die Autorin, Bettine Vriesekoop, bezeichnet sie als 1. chinesische Feministin des prämodernen China.

1907 schuf Qiu Jin Chinas Frauenzeitung in Shanghai

Mit ihrer Lebensgeschichte zählt sie zu den mutigen, klugen und kämpferischen Frauen. Schade, dass ihr das Museum nicht mehr Platz einräumt. Dabei gibt es viel Interessantes über sie zu erzählen. Für den folgenden Einblick in ihre Lebensgeschichte soll das Buch Mulans Töchter aushelfen:

Als überzeugte Feministin kleidete sich Qiu Jin wie ein Mann und ließ die für Frauen vorgesehenen konventionellen Benimmregeln links liegen. Sie kämpfte gegen die Verheiratung von Frauen, gegen das Füßeverstümmeln und gegen die Armut des Volkes. Sie focht gegen die korrupten Machenschaften der Regierung und gegen Kaiserinwitwe Cixi. Um den Frauen mehr Unabhängigkeit zu ermöglichen, setzte sie sich für eine gute Ausbildung von Mädchen ein. Es wurde ihr vorgeworfen, ihren Mann und ihre Kinder verlassen, im feindlichen Ausland (Japan) studiert und einen Anschlag gegen die kaiserliche Regierung geplant zu haben. Nach ihrer Enthauptung wurde sie zu einer Heldin und Märtyrerin der kommunistischen Partei hochstilisiert.

Qiu Jin: demokratische Revolutionärin und Pionierin der chinesischen Frauen- Befreiungsbewegung

In diesen Rollen wird sie vorwiegend im Museum präsentiert, weniger als Feministin und Kämpferin für die Unabhängigkeit der Frauen. Eigenwillig, westlich im Auftreten, im Alleingang, auffällig und sich nicht unterordnend – eine Person diesen Stils passt nicht ins sozialistische Denkgebäude. Es bestätigt meinen bisherigen Eindruck, dass Frauen dann hervorgehoben werden, wenn sie im Rahmen der Partei für Frauenanliegen eintreten. Sicher mit ein Grund, dass stärker auf die „Neue Kulturbewegung“ und die „Bewegung des 4. Mai“ hingewiesen wird, die sich nach der Revolution von 1911 für freie Heirat, Freiheit des Einzelnen, offene Sozialisation zwischen Mädchen und Buben und das Öffnen aller Unis für die Frauen einsetzte.

Nach der eingehenden Auseinandersetzung mit den „Museen der Trostfrauen“ interessiert mich natürlich besonders, wie die Schwerpunkte der Ausstellung für die Zeit des Krieges gegen Japan gesetzt werden. Enttäuscht stelle ich fest, wie kurz das Thema der „comfort women“ abgehandelt wird. Zwei, drei Fotos geben Auskunft über Frauenraub und -vergewaltigung; dazu gesellt sich eine Skizze eines „comfort“- Hauses, wie es hier bezeichnet wird. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem tapferen Abwehrkampf – auch der Frauen – gegen die japanischen Invasoren und auf dem kulturellen Leben während des Krieges gegen Japan.

Zum Durchschnaufen schlendere ich durch einige Räume mit wunderschönen Textilien, mit chinesichen Beschriftungen.

Der zweite Stock ist den Kindern Chinas gewidmet. Dieselben glorreichen Leistungen und Anstrengungen der CPC, die auf allen Ebenen für die Frauen gemacht wurden, werden hier nochmals aufgerollt, allerdings bezogen auf die Lage der Kinder, also Verbesserungen in Gesundheit, Bildung, sozialer Wohlfahrt, … Ich erspare mir die Details in der Überzeugung, nichts zu versäumen. Klar, dass auch die künftige Generation bereits heldenhaft im Abwehrkampf gegen die japanischen Aggressoren tätig war: Erziehung gelingt mit Schwerpunkt auf Ethik und Moral, Prinzip der chinesichen Regierung heute: Kinder zuerst, „young masters“; die jungen chinesischen PionierInnen als Organisation, deren Aktivitäten, …

Ich gebe auf, ich kann nicht mehr.

 

Marianne Wimmer, Frauenmuseensammlerin

 

Rückblick auf vorhergehenden Beitrag: Shanghai – Erste chinesische Eindrücke

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