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Frauenwissen und ein Lehrgang

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Unser Team bei ichfrau ist vielfältig. Als Blog des Frauenmuseums ist es natürlich nahe liegend, dass wir alle, die wir hier schreiben, irgendwie mit dem Museum verbunden sind. „Chefredaktion“ habe zurzeit ich inne, Astrid Schönweger, auch wenn das letzte Wort die Leiterin des Frauenmuseums, Sissi Prader, hat. Wer mich kennt, weiß, ich bin ein Tausendsassa und habe viele Eisen im Feuer. Autorin, Kuratorin, Erwachsenenbildnerin, Bloggerin – das sind alles Berufsbezeichnungen, die zu mir passen. In den letzten Jahren hat sich aber Eines als sehr wichtig herauskristallisiert: die Erbin eines alten Wissens zu sein, von den Frauen in meiner Familie immer in zweiter Generation überliefert.

Zur Zeit ist das ganz aktuell, weil ich zusammen mit Uli Gutweniger und Karin Raffeiner einen Lehrgang zur/m Vintschger-Typen-Berat_erin vorbereite. Dabei geht es um die Weitergabe des Wissens, das ich von meiner Oma erhalten habe, die es wiederum von ihrer vermittelt bekommen hat. Das ging bei meinen Ahninnen schon seit Generationen so. Für mich ein Anlass, hier ein, vielleicht auch ein paar Beiträge zu Frauengeschichte und Frauenwissen zu schreiben …

Und heute – am Geburtstag meiner Oma – fange ich damit an. Meine Oma wäre am 12.12. 116 Jahre alt geworden. Leider ist sie 1990 von uns gegangen, aber in meinem Herzen und nun auch in der Weitergabe dieses Wissens lebt sie weiter.

Foto: pixabay

Lange Zeit ging man davon aus, dass Frauen kein eigenes Wissen hätten oder nicht den Wert hatte, aufbewahrt zu werden. In der herkömmlichen Geschichtsschreibung der westlichen Hemisphäre kommen Frauen so gut wie gar nicht vor. Ihre Namen, erst recht ihre Leistungen, wurden ignoriert, vergessen und manchmal auch bewusst ausgelöscht.

Die Geschichtsschreibung lag in der Hand des männlichen Geschlechts, aber noch genauer: Sie war eine bezahlte Sache und in der Hand derjenigen, die die Macht hatten. Kein Wunder, dass wir so gut die Geschichte von Kaisern und Königen, Generälen und Dikatoren kennen… (Bezahlte) Geschichtsschreiber wurden besonders gerne bei Kriegen eingesetzt. Die Jahreszahlen der Kriege und Schlachten, die geführt worden sind, werden heute noch in der Schule gelehrt.

Foto: pixabay

So ist es auch zu erklären, warum wir überall nach wie vor überwiegend Männern begegnen: in der Literatur, der Kunst, der Wirtschaft, der Industrie, der Religion, der Wissenschaft und der Politik. Schon Luise F. Pusch hat vor Jahren gesagt:

Für nichts wird so viel Reklame gemacht wie für Männer. Unentwegt erinnern sie an sich selbst: auf Geldscheinen, Briefmarken, Gedenkmünzen, mit Bronzebüsten und Straßenschildern, in Lexika und Zitatensammlungen.

Klingt wie eine gut funktionierende Marketingmaschine, für die ein großes Budget vorhanden war, nicht wahr?

 

Wo sind die Frauen in der Geschichtsschreibung?

Wenn Frauen in der Geschichtschreibung nicht zu finden sind, heißt das, sie hätten kein eigenes Wissen weiterzugeben gehabt?

Oder gar keine Geschichte gehabt?

Wohl kaum, oder?

Auch wenn so manche diesen Trugschluss hart verteidigt haben (in der  Geschichtforschung, in der Kunst, in den Museen, etc.), liegt es doch auf der Hand, dass weibliches Wissen und Geschichte einfach nicht so wichtig und bis in die Gegenwart erhaltenswert eingestuft wurde. Oder dass es dieses Wissen anders weitergegeben wurde, unter anderem mündlich.

 

Die mündliche Weitergabe

Sie war eine Nische, die der Frau nicht genommen wurde bzw. nicht genommen werden konnte – dafür aber niedergemacht. Es gibt noch bis heute eine klare Wertung: Die mündliche Weitergabe und das Wissen, das damit weitergegeben wird, hat nicht den gleichen „wissenschaftlichen“ Wert wie schriftlich überliefertes Wissen.

Ich getraue mich zu behaupten, u. a. auch deswegen, weil das eine eher weiblich, das Schriftliche eher männlich war. Und weil das mündliche sich nicht in die Kriterien der auf Schrift aufgebauten Wissenschaft zwängen lässt. Die Menschen, die sich der mündlichen Weitergabe bedienten, hatten nicht unbedingt immer eine schulische Bildung. Meine Großmutter, die mir ihr Wissen vererbt hat, hat gerade einmal vier Jahre lang die Volksschule besucht, meine Ururgroßmutter, die meine Großmutter gelehrt hatte, war überhaupt nicht zur Schule gegangen. Natürlich ist es ein Leichtes, deswegen das mündlich weitergegebene Wissen zu diskreditieren. Einer der vielen Gründe, warum meine Ahninnen beschlossen haben, es im Geheimen weiterzureichen.

Foto: pixabay

Was sind die Merkmale der mündlichen Weitergabe?

  • Dass zum einen ein Gedankengang oder eine komplizierte Erklärung nie genau gleich wiederholt werden kann,
  • Das Wissen darin besteht, was die Menschen im Gedächtnis haben.
  • Aber das Wichtigste überhaupt: Es braucht einen Gesprächspartner, um das Wissen zu teilen und sich selbst das eigene bewusst zu machen.

Jetzt wird auch klar, warum es oft Frauenwissen ist. Diese Weitergabe erfordert Vertrauen, darum Beziehung. Sie erfordert Respekt gegenüber der wissenden einerseits, Offenheit gegenüber der lernenden Person andererseits.

Frauen sind aber seit jeher für Beziehung zuständig und darum auch die Meisterinnen darin. Wie meine Oma schon sagte:

Alles hat 2 Seiten wie eine Medaille.

Wir wurden darauf reduziert, aber das macht uns auch gut darin.

Und darin liegt auch die Stärke der mündlichen Weitergabe. Du kannst den oder die Schülerin genau da abholen, wo sie steht.

Das beste Beispiel ist für mich die Vintschger Typenlehre, die einen wichtigen Teil des mündlichen Wissens meiner Großmutter ausmacht. Genaueres über diese Lehre könnt ihr hier nachlesen. Sie hat mir von klein auf beigebracht, alles mit der „Brille“ der Vintschger Typenlehre zu betrachten. Sie ist eine Lehre der Beobachtung mit allen Sinnen. Eine Sicherheit, dass man sich selbst und andere genau erkennt, wie wir sie gewohnt sind, gibt es nicht. Nur, dass es von Vorteil ist, den eigenen Typ und dann auch die anderen zu erkennen, um sich selbst und andere besser zu verstehen.

Sonne, Sonnenfinsternis, Neumond und Vollmond sind die 4 Vintschger Typen nach einem überlieferten Wissen. Foto: Graphik nach Uli Gutweniger

Auf viele Fragen habe ich keine Antwort erhalten, z.B. wieso man als solcher Typ auf die Welt kommt und nicht im Laufe des Lebens seinen Typ ändern kann. Die Antwort meiner Oma war einfach:

Es ist einfach so. Die Kopfeten müssen immer auf alles eine Antwort wissen. Der Roggen auf dem Feld ist auch schon gewachsen, bevor er wissenschaftlich untersucht worden ist, die Kinder sind auf die Welt gekommen, bevor man genau wusste, wie die Zeugung zustandekam.

Daraufhin zwinkerte sie mir zu und für sie war es gegessen. Dementsprechend war die Weitergabe der Vintschger Typenlehre so eine Sache. Von Großmutter zur Enkelin, von Vollmond zu Neumond und wieder zu Vollmond.
Wieso? Ich weiß es nicht. Irgendeine Gefahr habe eine Ahnin dazu veranlasst, das Wissen zu schützen.
Wieso ich? Weil man in der Wiege schon eine Hirtin erkennt. Aha?

Wahr ist, hätte die Weitergabe nicht so stattgefunden, wäre das Wissen höchstwahrscheinlich nicht in die Gegenwart gerettet worden. Im konservativen Vinschgau war die letzten paar 100 Jahre so etwas nicht gefragt und auch stark verfolgt.

 

Der Umgang mit der mündlichen Weitergabe

Dies möchte ich aus ganz persönlicher Sicht erzählen. Natürlich habe ich Einiges vergessen, was mir meine Oma beigebracht hat. Wie auch sie und ihre Ahninnen vorher, aber ich verstehe jetzt die Gelassenheit, denn es geht bei der mündlichen Überlieferung nicht darum, ALLES zu behalten.

Es geht nicht um die Gesamtheit und auch nicht um die Ursprünglichkeit des Wissens.
Du nimmst auf und erinnerst.
Was du erinnerst, interpretierst du auf deine Weise, mit deinem Horizont,
du ergänzt es mit deinen Erfahrungen
und gibst das Neue Alte wieder weiter.

Es ist eine Aufgabe von Kontrolle, von Richtig und Falsch
– es ist ein Weiterentwicklung, ein work in progress ohne Ende.
Es ist gelebtes und damit lebendiges Wissen.

Durch die Beziehung, durch den Prozess, sich selbst mit seinem Horizont und seinen Erlebnissen einzubringen, kann man dieses Wissen besser verinnerlichen. Nicht so strukturiert wie mit schriftlichem Wissen, aber leichter anzuwenden im eigenen Alltag.

Mündliche Weitergabe ist wie dieses Bild zu verstehen. Ein wildes Durcheinander an Farben und Formen, aber dennoch ergibt es eine Harmonie. Foto: pixabay

Ein lebender Widerspruch?

Nun, so manche könnten jetzt meinen, ich sei ein lebender Widerspruch. Gerade als Autorin schreibe ich gerne über mündlich überliefertes Wissen, damit es nicht verloren geht. So habe ich auch zusammen mit meinem Mann ein Buch über die Vintschger Typenlehre geschrieben. Ich leugne nicht, dass bestimmte Qualitäten dabei verloren gehen, was gar nicht anders möglich ist.

Darum plädiere ich gleichzeitig dafür, dass das eine neben dem anderen existiert.

Mündliche Weitergabe kann nicht durch schriftliche Weitergabe ersetzt, nur ergänzt werden. Solide Ausbildungen sollen hier nicht diskreditiert werden, aber ich verweigere ihnen das bisherige alleinige Monopol, das sie letzthin hatten.

Es geht mir um die Aufwertung des Wissens, das bislang nur mündlich weitergegeben wurde. Und gleichzeitig um die Aufwertung dieser Art des Lehrens und eine bewusste Wiedereinführung derselben.

So können ganz viele mit dem Buch der Vintschger Typenlehre das Wissen anwenden, doch sie lebt von der Beobachtung, vom Erfahren und vom Austauschen. Einen Typ zu erkennen erfordert Übung, an sich selbst als Typ zu arbeiten eine Anleitung.

Aus diesem Grunde haben wir entschieden, einen Lehrgang anzubieten, der genau darauf Wert legt. Ich hoffe, euch neugierig gemacht zu haben, nicht nur auf den Lehrgang, sondern auch auf die zukünftigen Beiträge in diese Richtung…

 

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