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Frauenmuseum | Museo delle donne

Ein Frauenmuseum in einem Einkaufszentrum

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Mit Toledo am Südende des Eriesees verlassen wir Ohio und tauchen mit dem Bundesstaat Michigan weiter ein in den Mittleren Westen der USA, deren Hauptstadt Lansing wir anstreben. Wir streben das Welcome Center Michigan an, das sehr gute Infos und Tipps über den „Great Lakes State“ oder auch „Wolverine State“ (Vielfraßstaat) für uns bereithält.

Fürs erste fühlen wir uns etwas irritiert und unsicher ob der Örtlichkeit. Der Umstand, dass wir uns durch das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ bewegen, stimmt uns allerdings im gleichen Moment zuversichtlich. Unseren Recherchen auf der Homepage des Frauenmuseums zufolge, ist unser heutiges Ziel in einem Einkaufszentrum einquartiert. Genauer gesagt: im „Younker`s Home Wing“ der „Meridian Mall“. In der riesigen Shopping-Mall stellt sich heraus, dass das Frauenmuseum entdeckt werden will. Kein einziges Schild weist auf seine Existenz hin. Um es ausfindig zu machen, orientieren wir uns schließlich am Lageplan der Geschäfte. Wir müssen schon genau schauen, um es zu finden. Unauffällig reiht es sich in die Abfolge der Verkaufsräume ein:

Auch ein Plakatständer am Eingang, wie vor üblichen Verkaufsläden, lässt noch auf Sonderangebote und Tagesaktionen schließen. Doch beim Nähertreten wird schnell klar, dass dieses Geschäft aus der Reihe tanzt. Entsprechende Aufschriften über dem Eingang, Plakate an der Glasfront und die vielen Schautafeln an den Wänden künden davon, dass wir richtig sind. Und der Plakatständer? Er präsentiert die Namen der Frauen, die 2018 für die Aufnahme in die Hall of Fame nominiert wurden. Unter ihnen befindet sich – ganz zeitgeistig – eine Whistleblowerin. „Vielversprechend“, denke ich bei mir – und trete ein.

Die Fotos an der Wand hinter der Kassa lassen mit ihrem nostalgischen Flair, das sie verströmen, das nüchterne Ambiente der Geschäftswelt kurz vergessen. Sie zeigen ein schönes Stadthaus aus dem Jahr 1903, dem kolonialen Stil nachgebaut, das früher das Museum beherbergte: „Hier auf den Fotos sehen Sie das historische Gebäude, namens ‚Cooley-Haze Haus‚, in dem wir bisher logierten. Für Lansing ist es wertvoll, da es das einzige, im Originalzustand erhaltene Gebäude aus dieser Zeit ist. Unsere Residenz hier in der Shopping–Mall betrachten wir als Übergangslösung, die allerdings Vorteile bietet. An Parkplätzen mangelt es hier vor Ort nicht- mit ein Grund, vorübergehend hierher zu übersiedeln. Wir stellen auch fest, dass uns mehr Leute besuchen als im Stadtzentrum. Bei ihrem Einkaufsbummel entdecken sie das Museum quasi im Vorbeigehen, und manche werfen dann doch einen genaueren Blick in unser ‚eigenwilliges Geschäft‘ „, erklärt die Museumsangestellte.

Das alles ist gut nachvollziehbar. Trotzdem kommt, im Vergleich mit den Abbildungen an der Wand, Wehmut auf angesichts der nüchternen Shoppingatmosphäre rundherum. Eine Spur zu aufdringlich nistet sich der Shoppingmall-Singsang aus der Konserve in meinem Ohr ein. Durch das ständige Hintergrundgedudel fühle ich mich in meiner Konzentration leicht gestört. Schade, dass man seine Ohren nicht wie Augen einfach zudeckeln kann. Von Vorteil ist, dass der übersichtliche Ausstellungsraum schnell und leicht einen Überblick gewährt. Vom Erwerb des Frauenwahlrechts über die Bürgerrechtsbewegung bis zum Civil Rights Act – Chronologisch angeordnete Schautafeln an den Wänden bringen der Besucherin amerikanische Frauengeschichte näher, wobei das Hauptaugenmerk auf den Geschichten der Frauen Michigans liegt.

Der Auftakt gehört dem Erwerb des Frauenwahlrechts im Bundesstaat Michigan. Neben den für die Region bedeutenden Suffragetten treffe ich auf einige bekannte Frauenrechtlerinnen, die nationale Bedeutung erlangten und mit denen sie in ihrem Kampf in Verbindung standen. Große Namen, wie Elisabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony, erleichtern es mir, die regionalen  historischen Ereignisse in das nationale Geschehen einzuordnen. Das ist auch wichtig, denn als  Besucherin ohne spezielles Interesse an der Geschichte Michigans hält die Querverbindung zur nationalen Historie mein Interesse aufrecht. Bekanntes, an das ich anknüpfen kann, hält mich bei der Stange.

Von den vielen klassischen Schautafeln, die der Ausstellung auf den ersten Blick einen pädagogischen Touch verpassen, wechsle ich zu einer Vitrine, deren Objekte spannende und humorvolle Inhalte zum Thema zutage fördern und eine neue Erzählebene einfügen. Hinter Glas liegt ein etwas abgewetzt und mitgenommen aussehendes Büchlein, das in jede Handtasche passt (wofür es auch gedacht war). Es trägt den Titel: “ Women Suffrage. Arguments and Results.“ („Frauenwahlrecht. Argumente und Resultate“). Offensichtlich war es viel benutzt worden. Publiziert wurde es von der „National American Woman Suffrage Assoziation“ und diente jenen Frauen als Argumentationshilfe, die sich bei öffentlichen Auftritten in ihren Reden für das Frauenstimmrecht einsetzten. Sehr hilfreich und klug! Pointiert abgefasste Sammlungen, um diverse feministische Themen zu verteidigen, kann es nicht genug geben.

Mit diesem Büchlein in der Handtasche könnte frau auf jeden Fall leichten Schrittes und mit schelmischem Lächeln auf die Anti-Suffragetten-Postkarten zugehen, die in der benachbarten Vitrine ausliegen. Sie stammen aus den Jahren 1900 – 1920: „Vorsicht, Suffragetten!“, scheinen sie der BetrachterIn mahnend entgegenzurufen. Angst und bang könnte manchem werden angesichts der Familienidyllen am Wahltag (und seinen befürchteten Konsequenzen darüber hinaus). Kein Wunder, dass Männer versuchen, sich auf dem für sie ankündigenden Horrortrip Erleichterung zu verschaffen. Zumindest mittels Karikatur lässt sich das Thema in den Griff bekommen. Welche Vorzeichen des kulturellen Niedergangs und Verderbens künden nun vom Untergang der Männerwelt, gar ganz Amerikas? Rein ins Ver……..derben mit:

Zurück zu Ernsthaftem und zum weiteren Verlauf der Frauengeschichte der USA. Grace Lee Boggs, Nellie Cuellar, Rosa Slade Gragg, Waunetta Dominic dominieren das Geschehen des nächsten Ausstellungsabschnittes. Sie repräsentieren Michigans Frauen und ihren Kampf um die Beseitigung von Diskriminierungen jeglicher Art im Rahmen der  Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement, 1955 – 1968). Sie setzen sich für die Abschaffung der Ungleichbehandlung von Frauen, Afro-AmerikanerInnen und von ethnischen Gruppen (Native Americans) ein. Noch immer haben Schwarze und Weiße im 20. Jhd. ungleiche Zugänge und Chancen in Amerika, die Rassentrennung ist noch aufrecht, Native Americans besitzen keine Landrechte. Und dann taucht eine einfache Frau auf, widersetzt sich den Anordnungen der Behörden und bringt Bewegung in die Geschichte: Rosa Parks (1913 – 2005), die als Ikone und Mutter der Bürgerrechtsbewegung vielen bekannt ist.

I had been pushed around all my life and felt at this moment that i couldn’t take it anymore…The line between reason and madness grows thinner (due to the) horrible restrictioness of Jim Crow Laws.

Rosa Parks, written in 1950s

Als sie sich 1955 weigert, ihren Sitzplatz in einem Bus in Montgomery, Alabama, einem weißen Mann zu überlassen, wird sie inhaftiert. Selbst nach ihrer Verhaftung gibt sie nicht auf. Nachdem die Anfechtung der Rassentrennung vor Gericht ohne Erfolg bleibt, organisiert sie gemeinsam mit anderen den „Montgomery Bus Boykott“. Mehr als ein Jahr benützen Schwarze keine öffentlichen Busse, solange, bis der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung aufhebt.

Doch nach der Unterzeichnung des Civil Rights Act 1964 durch Präsident Lyndon B. Johnson hören die Diskriminierungen gegen Frauen, rassische, ethnische und religiöse Gruppen nicht auf. Weiterer Kampf ist nötig, auch darum, den gleichen Zugang aller zu den Wahlen zu gewährleisten. Trotz des 1920 eingeführten Wahlrechts für alle StaatsbürgerInnen, existieren speziell für Schwarze in den Südstaaten immer noch Zugangshindernisse. Um sich für die Wahl registrieren zu lassen, müssen z. B. Steuern bezahlt werden, die sich nicht alle leisten können. Weiters werden Wahlbezirksgrenzen manipuliert oder es wird Gewalt ausgeübt, um Schwarze durch Einschüchterung und Verbreitung von Angst daran zu hindern, sich im WählerInnenverzeichnis eintragen zu lassen.

Das Zustandekommen des Voting Rights Act 1965 forderte den Einsatz vieler Menschen, auch Menschenleben. Vorerst fällt mein Blick auf das Schild eines Streikpostens, ähnlich jenen selbstgebastelten Exemplaren, die die frühen Frauenrechtlerinnen verwendeten, um zu protestieren und ihren Anteil an der Welt einzufordern. Trotzdem es ruhig in einer Ecke lehnt, tritt es der Besucherin fordernd entgegen: „Wofür stehst du? Wogegen trittst du auf?
Gleich nebenan ziehen gelb leuchtende post-its ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie geben Antwort auf die Frage: „Was würdest du unternehmen wenn du siehst, dass andere ungleich behandelt werden?“

Von hier wird mein Blick auf das Foto einer jungen Frau gezogen. Unweigerlich lese ich die zugehörigen Schlagzeilen: „Viola Liuzzo – gab ihr Leben für ihren Glauben an die Gleichheit. Sie spielte nicht die Rolle einer 60er-Jahre Hausfrau.“

Viola Liuzzo (1925 – 1965) wuchs als armes weißes Südstaatenkind im Süden Tennessees auf und lernte dabei die Rassendiskriminierung und ihre Auswirkungen auf die Menschen kennen. Als sie 1943 nach Detroit zog, wurde sie aktives Mitglied der „National Association for the Advancement of Colored People“ (NAACP). Es war auch in Detroit, wo sie 1964 den Civil Rights March erlebte und die berühmte „I have a dream“ – Rede Dr. Martin Luther King Jrs. hörte. Als sie 1965 im Fernsehen sah, wie DemonstrantInnen bei einem Marsch für die BürgerInnenrechte geschlagen wurden, schritt sie zur Tat. Sie nahm es auf sich, 800 Meilen von ihrem Wohnsitz in Detroit nach Selma, Alabama, zu fahren, um selbst mitzumarschieren. Sie wusste um die Gefährlichkeit dieses Unternehmens. Deshalb bat sie ihre beste Freundin, eine Afroamerikanerin namens Sarah Evans, zu helfen, ihre Kinder großzuziehen, sollte ihr etwas zustoßen.
Liuzzo gehörte zu den 3200 Protestierenden, die von Dr. Martin Luther King Jr. angeführt wurden. Sie beteiligte sich auch am Shuttledienst, der die Demonstrierenden von Montgomery nach Selma brachte. Auf dem Rückweg von einer dieser Fahrten, wurde sie in ihrem Auto von Mitgliedern des Ku-Klux-Klans verfolgt und aus dem fahrenden Auto heraus erschossen. Im Wagen der Mörder saß auch ein FBI – Informant, der nichts gegen ihre Ermordung unternahm.

LIFE-Magazin, vom 21. Mai 1965: Defense Lawyer Matt Murphy`s victory sign

Um seine Untätigkeit zu vertuschen, startete das FBI nach Liuzzos Tod eine Verleumdungskampagne. Präsident Johnson wurde informiert, Viola Liuzzo hätte Sex mit Schwarzen gehabt, wäre drogenabhängig gewesen und ihr Gatte sei an organisierter Kriminalität beteiligt. Daraufhin wurde ihre Familie gemieden und angefeindet. Ihre Mörder hingegen kamen ungeschoren davon. Sie wurden zwar vor Gericht gestellt, aber von den  Geschworenen – alle weiß, alle männlich- freigesprochen. Das Victory-Zeichen des Verteidigers des Angeklagten am Titelbild des LIFE- Magazins ersetzt meinem Gefühl nach den Stinkefinger, der der Geisteshaltung des Ku-Klux-Klans und des FBIs bzgl. dieses Falles wohl am besten entsprechen würde.
Liuzzos Aufopferung für die Gleichberechtigung im März des Jahres 1965 trieb die Unterzeichnung des Voting Rights Act voran. In Anwesenheit der BürgerrechtskämperInnen Rosa Parks und Dr. Martin Luther King Jrs. wurde das Dokument von Präsident Johnson im August 1965 unterzeichnet, mit dem Hinweis, dass ihr Sterben nicht umsonst gewesen sein soll.

Mit meinen Gedanken noch in der tragischen Lebensgeschichte Viola Liuzzos hängend, schlendere ich zum Ausklang durch die Freifläche zwischen den Ausstellungsvitrinen und den Wandtafeln, die im uramerikanischen Sinn genutzt wird, als Souvenirgeschäft. Ein  vielfältiges, ansprechend präsentiertes Angebot an Fair-Trade-Schmuck, Büchern zu den Ausstellungsthemen und diversen Souvenirs (Sticker, Bleistifte, Taschen mit Aufdrucken, Häferln) verlocken zum Kauf.

Der Eintritt ins Museum ist frei. Die vorgeschlagenen Spende von 5$ gebe ich gerne.

Beim Verlassen des Museums bietet seine Lage in einem Einkaufszentrum für uns den Vorteil, dass wir unseren Hunger im food court stillen, die Kühltasche mit Jause und Frühstück auffüllen und Wasservorräte nachkaufen können.

PS: Seit 2020 befindet sich das Frauenmuseum wieder in der Innenstadt von Lansing: 105 W Allegan Street, SUITE 10,  gegenüber dem Kapitol.

Geschrieben von Marianne Wimmer, Frauenmuseensammlerin

Vorhergehender Besuch: Ein Museum für Königinnen der Lüfte und für Frauen, die nach den Sternen greifen

Unser nächstes Ziel: Women`s Civil War Museum, 310 E.Broadway, Bardstown, Kentucky

 

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