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Frauenmuseum | Museo delle donne

Ein Museum für Königinnen der Lüfte und für Frauen, die nach den Sternen greifen

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In Cleveland wartet das International Women`s Air & Space Museum auf uns, das an einem sehr speziellen Ort untergebracht ist, nämlich im Flughafengebäude des städtischen Flughafens.

Ihre Namen symbolisieren den Menschheitstraum vom Fliegen – von den Flügeln aus Wachs und Federn im antiken Mythos, über papierene Entwürfe der Renaissancezeit, hin zu Gleitflugexperimenten und zum 1. Motorflug 1903: Ikarus, Leonardo da Vinci, Otto und Gustav Lilienthal, die Gebrüder Wright. Männer, deren flugtechnische Ambitionen für die erste Generation der Flugpionier*innen stehen.

Auch Charles Lindbergh darf nicht fehlen, dem 1927 die erste vollständige Atlantiküberquerung gelang (New York–Paris, 5800 km). Seine Frau, Ann Morrow Lindbergh (1906 – 2001), ebenfalls Flugpionierin und Autorin, findet im Gegensatz zu ihrem Gatten kaum Erwähnung, obwohl sie gemeinsam mit ihrem Mann als Kopilotin, Navigatorin und Funkerin, historische Forschungsflüge auf allen 5 Kontinenten unternahm und einige Auszeichnungen für ihre Flug- und Navigationsfähigkeiten erwarb.

Zur Geschichte des Fliegens werden vorwiegend männliche Wesen mit ihren Errungenschaften präsentiert. Nicht verwunderlich. Schließlich bewegen wir uns auf dem Gebiet der Technik, das traditionellerweise nicht zur gewöhnlichen Sozialisation eines Mädchens gehört. Solche Vorstellungen prägen und sitzen tief. Selbst im 3. Jahrtausend sind Frauen auf technischem Terrain noch selten zu finden, trotz Angeboten wie Girls‘ Day und FIT- Programmen (FIT= Frauen in die Technik).

Trotz der ablehnenden Einstellung, die sie auf technischem Gebiet erfuhren, finden sich seit ihren Anfängen in der Luftfahrt Frauen, die Großartiges leisteten. Man muss sie nur finden wollen. Und gerade dabei zeigt sich, wie wichtig autonome Frauenmuseen sind, um den Leistungen und Beiträgen von Frauen sprichwörtlich „Raum zu geben“. Besonders augenfällig wird ihre Bedeutung im Vergleich mit traditionellen Museen zum gleichen Thema, in denen der Mann den Maßstab des Handelns bildet: International Women’s Air & Space Museum / Cleveland versus National Air & Space Museum / Washington. „Beides probiert – kein Vergleich“, lautet denn auch kurz und prägnant meine Bewertung aus feministischem Blickwinkel nach dem Besuch beider Museen. Wie alle herkömmlichen, ursprünglich als „Männermuseen“ konzipierten Ausstellungsorte, kann das National Air & Space Museum heutzutage nicht mehr umhin, Frauen in seine Ausstellungen aufzunehmen. Bei unserem Besuch wird Amelia Earhart, eine Flugpionierin, in einer Sonderausstellung besonders hervorgehoben und gewürdigt, was ich explizit positiv bewerten möchte. Im Vergleich dazu präsentiert sich seine Abteilung „Women Pilots“ als mickrige Angelegenheit. Nur wenige Quadratmeter des riesigen Museums in Washington stehen den Frauen zur Verfügung. Nun aber zurück nach Cleveland.

Smith Miniplane, gebaut und zu Testzwecken geflogen von TRACY PILURS, einem Mädchen als Pilotin

Zu Beginn meines Besuches schlendere ich durch die Ausstellungshalle, um mir einen Überblick zu verschaffen. Mein Blick bleibt an Vitrinen hängen, die Pokale, Trophäen, Kleidungsstücke, Fotos, Briefmarken, Münzen, Bücher,…. über weibliche Luftfahrt- und Weltraumabenteuer präsentieren.

Unter dem Titel „Living & Working In Space“erhalte ich in einer Koje grundlegende Informationen über das Leben und Arbeiten im Weltraum: über das Essen, die Schwerelosigkeit, die täglich 2 Stunden dauernden Trainingseinheiten. Ein bereitgestellter Schlafsack samt Aufforderung: „Versuch, in den Schlafsack zu schlüpfen!“, verleitet die Besucherin zu einer ersten Geschicklichkeitsprüfung. Wer es hier – außerhalb der Bedingungen der Schwerelosigkeit – nicht schafft, für den bleibt ein Aufenthalt im Weltraum vermutlich ein unerreichbares Ziel.

Modell eines Flugsimulators

Welch niedliches Spielzeug ist das dort drüben? Ich steuere auf ein Flugzeug zu, das mich an meine Kindheit erinnert. Ich sehe mich als kleines Mädchen, das in einem Jahrmarktskarussell in einem Flieger seine Runden dreht. Schade, dass der ausgestellte Flugsimulator nicht fürs Ausprobieren bereitsteht.

Nun wende ich mich den Lebensgeschichten einzelner Flugpionierinnen und Astronautinnen zu. Von den 6000 Frauen, über die das Museum insgesamt berichtet, liegt – neben einigen internationalen Pilotinnen- das Hauptaugenmerk auf jenen der USA. Und sie bieten Rekorde, Rekorde, Rekorde!

Unter der Rubrik „die erste Frau, die…“ finde ich:

  • Harriet Quimby: die erste Pilotin Amerikas (1911)
  • Bessie Coleman: die erste afroamerikanische Pilotin (1921)
  • Amelia Earhart: die erste Frau, die über den Atlantik flog (1932)
  • Connie Wolf: Amerikas erste „Lady of Lighter-Than-Air“: die erste amerikanische Ballonfahrerin (1951); die erste Frau, die mit dem Ballon über die Schweizer Alpen flog (1951); die Frau, die 15 Weltrekorde im Ballonfahren innehält
  • die ersten amerikanischen Astronautinnen (1978)
  • Sally Ride: die erste Amerikanerin im Weltraum (1983)
  • Ruth Nichols: die einzige Frau, die simultan Weltrekorde in Geschwindigkeit, Höhe und Distanz als Pilotin hielt

Neugierig geworden auf diese „role models“, die zeigen wollen, dass Frauen nicht wegen ihres Geschlechts limitiert sind?

Mit ihren zum Teil wagemutigen Alleinflügen und den großartigen Rekorden beweisen „die Ersten“ zur Genüge, dass Frauen sehr wohl zu technischen Höchstleistungen fähig sind. Und Außergewöhnliches mussten sie leisten, denn für sie gesellten sich zu den ohnehin schon herausfordernden physischen und intellektuellen Anforderungen zusätzlich benachteiligende gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die sie zu überwinden hatten. Was Frauen behindert, ist nicht ihr Geschlecht, sondern eine fehlgeleitete Erziehung, die Vorurteile und die Skepsis, die ihnen entgegengebracht werden.

I was annoyed from the start by the attitude of doubt by the spectators that I would never really make the flight. This attitude made me more determined than ever to succed.

Von Beginn an ärgerte ich mich über die zweifelnde Haltung der Zuschauer*innen, dass ich den Flug jemals schaffen würde. Diese Haltung machte mich umso entschlossener, mein Ziel zuerreichen.

– Harriet Quimby

Nicht von ungefähr betonte Amelia Earhart (1897- 1937), Anerkennung für ihre Leistungen als Pilotin zu wollen und nicht für ihr Frausein. Bereits in ihrer Kindheit fiel sie durch „unmädchenhaftes“ Benehmen auf – sie galt als „Wildfang“. Auch als junge Frau gab sie ihr Abenteuerinnentum nicht auf. Im 1. Weltkrieg versorgte sie als freiwillige Schwesternhelferin in einem Rot-Kreuz-Hospital verletzte Militärpiloten (1917). Später arbeitete sie als Sozialarbeiterin in einem Armenviertel in Boston.

Doch das alles hinderte sie nicht daran, ihrem Traum vom Fliegen zu folgen. Fasziniert von Stuntflügen und Flugshows, vollbrachte sie 1921 ihren ersten Alleinflug und kaufte sich schließlich mit Hilfe ihrer Mutter ein gebrauchtes Flugzeug.

Von Zeit zu Zeit sollten Frauen all das tun, was Männer bereits getan haben – und gelegentlich etwas, das Männer noch nicht getan haben-, um sich als Persönlichkeit zu bestätigen und vielleicht andere Frauen zu größerer Unabhängigkeit in Gedanken und Taten zu ermutigen. – Amelia Earhart (1898 – 1937)

Als sie 1932, fünf Jahre nach Charles Lindbergh, als erste Frau im Alleinflug den Atlantik überquerte, wurde sie in der Presse als „Lady Lindy“ bezeichnet, als weiblicher Charles Lindberg. Eine etwas zweifelhafte Namensgebung in Anbetracht ihrer Ansprüche und aus feministischer Perspektive: Männer als Namensgeber und Referenzpunkt.

Nach dem ersten, offiziellen, nur für Frauen ausgerichteten Flugwettbewerb in den USA, dem „Women‘ s Air Derby“ 1929, gründete Amelia Earhart eine Organisation für Pilotinnen, namens „The Ninety-Nines“ (auch: „The 99s“). Damit bahnte sie den Weg für Frauen in der Luftfahrt. Wie wichtig das war, erkennt man an der männlichen Verachtung von Pilotinnen in der damaligen Zeit. Um die Leistungen der Frauen ins Lächerliche zu ziehen – übrigens eine immer wieder angewandte, gängige Strategie – wurde das transkontinentale Flugzeugrennen als „Puderquastenrennen“ verunglimpft.

Nach all ihren großartigen Leistungen wollte Amelia Earhart 1937 ein letztes Mal einen langen Flug absolvieren. Ihr letztes großes Vorhaben, die Welt entlang der Äquatorlinie zu umrunden, in einer „Lockheed Electra“ und mit dem Navigator Fred Noonan an ihrer Seite, endete tragisch. Auf dem schwierigsten Teilstück dieses Unternehmens, von Neuguinea zur winzigen Howland–Insel im Pazifik, verschwand das Flugzeug spurlos. Nachdem die intensive Suche nach Anhaltspunkten für das Unglück erfolglos blieb, wurde Amelia Earhart 1939 „in Abwesenheit“ für tot erklärt.

Um aus der Fülle des Dargebotenen auszuwählen, orientiere ich mich von Zeit zu Zeit an erhellenden und kühnen Zitaten, auf die ich im Ausstellungsbereich der Flugpionierinnen treffe:

I refused to take no for an answer!

Ich weigerte mich, nein als Antwort zu akzeptieren.

– Bessie Coleman (1892 – 1926)

Eine Frau, von der dieser Ausspruch stammt, muss eine bemerkenswerte, hartnäckige und zielstrebige Persönlichkeit sein. Es handelt sich um Bessie Coleman (1892 – 1926), Spitzname: „Queen Bess“. Sie war die erste afroamerikanische Frau mit PilotInnenschein.

So leicht und glatt, wie sich diese Zeilen lesen, verlief ihr Leben allerdings nicht. Ihre Kindheit verbrachte sie in Texas, wo sie als zehntes von 13 Geschwistern aufwuchs und als Kind die Arbeit auf den Baumwollfeldern kennenlernte.

Durch Lesen eignete sich Coleman schon als Kind viel Wissen über das Fliegen an. Als ihr in Amerika der Zugang zu einer Schule für Pilot*innen aufgrund ihrer Herkunft (Afroamerikanerin und Native American) und ihres Geschlechts verweigert wurde, gab sie jedoch nicht klein bei. Sie lernte Französisch, ging nach Frankreich und erwarb dort 1921 den internationalen Pilot*innenschein, noch dazu von der renommierten „Federation Aeronautique International“. Nach der Rückkehr in ihr Heimatland merkte sie, dass sie sich als Zivilpilotin ihren Lebensunterhalt nicht verdienen konnte. So tourte sie 5 Jahre durch Amerika, um sich durch Fliegen von Stunts (das sie ebenfalls in Frankreich gelernt hatte) und mit Fallschirmspringen Geld zu verdienen.

Mut bewies sie auch, als sie es ablehnte, nur an „Veranstaltungen für Schwarze“ teilzunehmen und sich auf diese Art gegen die Rassendiskriminierung stellte. Ihre Idee, eine Flugschule für Afro-Amerikanerinnen zu gründen, konnte sie nicht mehr verwirklichen. 1926 kaufte sie ein neues Flugzeug, das aufgrund schlechter Wartung Mängel aufwies. Obwohl ihre Familie und Freundinnen sie überreden wollten, die Finger von dieser unsicheren Maschine zu lassen, flog sie los, am Sitz neben dem Piloten. Da sie am nächsten Tag einen Fallschirmsprung vorführen wollte, hatte sie sich nicht angegurtet, um besser über das Cockpit schauen und das Terrain erkunden zu können. Als das Flugzeug unerwartet ins Schleudern kam, ging Bessie Coleman über Bord, prallte aus einer Höhe von 610 Metern auf dem Boden auf und starb.

Mit ihrer Arbeit bahnte sie den Weg für People of Colour im Flugwesen. Zu ihren Ehren wird jedes Jahr von afro-amerikanischen Pilotinnen ein Kranz über ihrer Grabstätte abgeworfen.

Von diesen interessanten und spannenden Geschichten aus dem Bereich des Fliegens, findet sich ein nahtloser Übergang zu den Frauen in der Raumfahrt. Ich erfahre, dass Frauen in den Anfangsjahren in unterstützenden Tätigkeiten Jobs zugeteilt wurden. Darüber hinaus schafften es Frauen schon ab der Zeit der Gründung der NASA (1958), als Mathematikerinnen, Technikerinnen und Ingenieurinnen zu arbeiten. Mit ihren grundlegenden und bahnbrechenden Berechnungen ebneten sie der NASA in den 1960er-Jahren den Weg zum Mond. Es ist im Wesentlichen ihr Verdienst, dass die Amerikaner*innen den Wettlauf zum Mond gewannen.

1977 suchte die NASA für ihr Space-Shuttle-Programm Techniker*innen und Wissenschafter*innen, die die komplexe technologische Ausstattung der Weltraumfähren bedienen können. Auf ihre Anzeige bewarben sich 8000 Personen, davon 1000 Frauen. Unter den 35 Auserwählten, die die NASA aufnahm, befanden sich 6 Frauen. Eine davon erlangte Berühmtheit, da sie als 1. Amerikanerin im Weltraum in die Geschichte einging: Sally Ride (1951 – 2012):

I can´t remember a single time my parents ever told me not to do something I wanted to do.

Ich erinnere mich an kein einziges Mal, an dem meine Eltern mir gesagt hätten, ich sollte etwas nicht tun, was ich tun wollte.

– Sally Ride (1951 – 2012)

Von Beruf Astrophysikerin, nahm sie an der 7. Weltraummission teil, in der „Challenger“ genannten Raumfähre (1983). Mit 32 Jahren war sie damals auch die jüngste Person im All. Die UDSSR hatte mit den Kosmonautinnen Walentina Tereschkowa (1963) und Swetlana Sawizkaja (1982), die ersten Frauen ins All geschickt. 20 Jahre später folgte mit Sally Ride die erste Amerikanerin, als dritte Frau im Weltraum. Nachdem Ride noch an einer weiteren Weltraummission teilgenommen hatte, konnte sie insgesamt 14 Tage und 8 Stunden Aufenthalt im Weltraum verbuchen.

1986 war Ride Mitglied der Untersuchungskommission, die versuchte, die Ursachen der „Challenger“ – Explosionen herauszufinden. Im Gedenken an Sally Ride wurde 2018 eine Briefmarke mit einer Auflage von 20 Millionen Stück herausgegeben.

Auch wenn die Besucherin nicht von vornherein großes Interesse an der Luft- und Raumfahrt zeigt, verlässt sie das Museum bereichert und inspiriert, mit großem Respekt und voller Achtung vor diesen außergewöhnlichen Frauen, ihren Leistungen und ihrem Wagemut. Es lohnt sich, mit den Frauen in die Luft zu gehen bzw. mit ihnen nach den Sternen zu greifen.

Nach dieser großartigen Leistungsschau möchte man meinen, dass dem weiblichen Geschlecht heutzutage nichts mehr im Wege steht, gleichberechtigt an Weltraummissionen teilzunehmen. Woran Gleichberechtigung im All auch heute noch scheitern kann? An Kleinigkeiten wie der passenden Kleidung wird deutlich, wie verfestigt das patriarchale Denken mit seinen Rollenklischees in unseren Köpfen noch immer nistet. Unter der Überschrift „Gefehlt: Raumanzug“ (Profil Nr. 14, vom 31.3.2019) lese ich, dass der erste, nur von Frauen durchgeführte Außeneinsatz der Internationalen Raumstation ISS vereitelt wurde. Es fehlte der passende Raumanzug in Größe M. Anstelle der zweiten Frau, die für einen Batteriewechsel die Raumstation verlassen sollte, schlüpfte ein Kollege in das vorhandene größere Modell. Der Teufel steckt im Detail (nicht nur, wenn er „Prada“ trägt) – auch im Bereich der außerterrestrischen Gleichstellung der Geschlechter.

 

Geschrieben von Marianne Wimmer, Frauenmuseensammlerin

 

Vorhergehender Besuch: Seneca Falls – eine Stadt lebt Frauengeschichte – Teil 2 (ichfrau.com)

Unser nächstes Ziel: Michigan Women‘ s Historical Center & Hall of Fame, Lansing / MICHIGAN

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