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Altes Handwerk neu interpretiert

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Im Monat August stellen wir Euch in unserer Rubrik „Frau des Monats“ eine Frau vor, die einer besonderen Leidenschaft frönt, nämlich dem Kreuzstich. Einst zur Grundausbildung junger Mädchen gehörend, mit der Zeit dann mit Großmüttern und deren häuslichen Tätigkeiten assoziiert, verschwand diese alte Handwerkstechnik zunehmend aus dem Alltag.

Dass Kreuzstich aber viel mehr kann, als romantisch und verspielt zu sein, Präzision und Geduld fordert und der ideale Nährboden für Kreativität sein kann, beweist Almut Surmann, Bibliothekarin in der Stadtbibliothek von Meran, mit ihren Arbeiten.

Im folgenden Interview erzählt uns Almut Surmann ein wenig mehr über ihre Passion, aber auch ihre Gedanken zum Frau-Sein und was ihre Kraftquellen sind.

Kannst du dich kurz vorstellen?

Ich heiße Almut Surmann, Jahrgang 1963, wohne in Bozen und bin bekennende „stickende Bibliothekarin“! Meine Kindheit verbrachte ich in Münster (Westfalen), die Jugend in Bonn. Zunächst habe ich Fremdsprachensekretärin gelernt mit Auslandsaufenthalten in Paris und London. Über den zweiten Bildungsweg folgte Abendabitur und danach ein Fachhochschulstudium Bibliothekswesen in Köln und New York (Fulbright-Stipendium). Eine Ministeriumsbibliothek ließ mich zwei Jahre zwischen Bonn und Berlin pendeln, bevor ich mich in Köln für die Ewigkeit niederlassen wollte. Es kam alles ganz anders, ich wurde in Südtirol sesshaft und arbeite seit 2003 als Bibliothekarin in der Stadtbibliothek Meran.

Du hast eine Leidenschaft fürs Lesen – welche Bücher inspirieren dich besonders?

Es mag bei meinem Berufsbild überraschen, aber ich bin keine begeisterte Romanleserin! Mich interessieren Sachbücher, vor allem Kulturgeschichten: Bücher die erklären, warum unser Weltbild so ist, wie es ist und wie es dazu wurde.

War der Wunsch ein Studium zur Bibliothekarin zu machen von Beginn an da – welche Überlegungen hast du angestellt?

Meine Mama war Dokumentarin/Bibliothekarin, deswegen hatte ich von Anfang an eine nüchterne Einschätzung dieses Berufes. Als „Spätentwicklerin“ nahm mein Lebenslauf einige Umwege, aber nach dem Abendabitur habe ich dann bewusst diesen Beruf ergriffen, der eine Mischung aus Verwaltungsberuf ist, mit dem Hauptauftrag Pott (Medien) und Deckel (BenutzerIn) auf bestmögliche Weise zusammen zu bringen. Sowohl analog als auch digital. Dies ist aber neben der Informationsvermittlung nur eine der vielen unterschiedlichen Facetten, die dieser Beruf bereithält.

Bücher lesen heißt für dich…?

Ich tauche in Sachbücher nicht ab, sondern lese gerne verschränkt (andere Bücher hinzuziehend) oder nachschlagend.  Bibliotheksbezogen lese ich sachlich: welche Themen und Trends, Aufbau, Stil, was passt für welche Südtiroler Leserschaft? Ansonsten halte ich es mit dem Motto „Man muss viel gelesen haben, um wenig zu lesen“ und lege Bücher rigoros zur Seite, die mich nicht berühren.

Was hat dich bewogen nach Südtirol zu kommen und zu bleiben?

Nach einer Italienreise hatte ich angefangen, ohne jegliche Hintergedanken Italienisch zu lernen.  Dann begann eine Zeit, in der es privat und beruflich nicht ganz rund lief. Der letzte längere Auslandsaufenthalt lag auch schon ein paar Jahre zurück und so habe ich vor einer Dienstreise eine Bewerbung auf eine ausgeschriebene Bibliothekars-Stelle in Bozen quasi in letzter Minute „herausgehauen“.  Eine folgenschwere Entscheidung: 15 Wochen später bin ich Bozen angelandet mit der Absicht, 2-3 Jährchen zu bleiben. Das war im Jahr 2001 …

Kannst du über deine Leidenschaft, den Kreuzstich, erzählen, wie Du dazu gekommen bist und welche Bedeutung sie für dich hat?

Manuell bin ich nicht sehr begabt, was in einer Familie, in der die Frauen sehr gut handarbeiten konnten, leider zu einiger Unlust auf beiden Seiten führte. Einzig die Stickerei ging sich aus. So weit so gut. Dreißig Jahre später räume ich als Praktikantin ein Buch über amerikanische Volkskunst ins Regal und sehe diese tollen Stickmustertücher. Das hat mich gepackt! Dann gingen zwei glückliche Zufälle Hand in Hand: direkt danach stand ein Praktikum in der Stadtbücherei Münster an, die den Sammelauftrag Handwerk/Handarbeiten hat. Zudem war meine Familie Stammkundschaft bei „Kortlücke“, dem wirklich qualitätsvollen Münsteraner Handarbeitsgeschäft mit geschultem Personal, das einer enthusiastischen aber komplett unbedarften Anfängerin kompetent auf den Weg geholfen hat. Die Anfänge waren holprig, beruflich ging es auch rund, es gab eine Ruhephase bis 2004. Da begann das Internet die „Szene“ aufzumischen. Ich kam an richtig gute Vorlagen und auch an fremdsprachliche Bücher heran, die mir das langsame Vortasten in diesen Bereich erheblich erleichterten.

Meinen Stil habe ich sehr schnell gefunden. Da mich das Graphische an den Mustern sowie deren Formenvielfalt interessieren und ich an einer leichten Kitsch-Allergie leide, habe ich mich schnell für einfarbige Stickerei auf sehr feinem Leinen in anthrazitgrau und dunkelblau entschieden. Diese Einfarbigkeit erlaubt es mir, mich durch Geographie und Geschichte der Stickerei wanzen zu können. Trotzdem passt alles zueinander und auch zu meinem Wohnungsstil.

Sticken bedeutet sowohl Anspannung (Ideen sammeln, das Entwerfen und Austüfteln sowie die Auswahl der Materialien) als auch totale Entspannung, nämlich das reine Sticken, sobald die Vorlage steht.  Zudem ist es ein nachhaltiges Hobby: die Materialien halten theoretisch ewig. Materialschlachten gibt es keine: ein Stück Leinen und die Docken Garn: je nach Projekt bin ich zwischen 3 Wochen bis 8 Monaten gut beschäftigt. Dieses Hobby lässt sich problemlos in einen Beutel packen, was mir erlaubt im Zug zwischen Bozen und Meran in aller Ruhe zu sticken: meine TrenItalia-Tücher!

Das Sticken ist eines, doch du setzt dich auch mit der Bedeutung der Symboliken auseinander, den vielen Techniken weltweit und auch den Zusammenhängen, die du herausgefunden hast. Erzählst du uns kurz darüber?

Der Mensch schaut neugierig und fasziniert über den Gartenzaun: die Stickerei bezieht ihre Ideen natürlich ebenfalls aus vielen unterschiedliche Quellen und Techniken. Da ich mich langsam eingefuchst habe, erkenne ich, welche Muster wann populär wurden, wie sie gereist sind, sich verändert, angepasst haben. Welche Strickmuster(sic) so genial Anfang des 18. Jahrhunderts entworfen wurden, dass sie auch heute noch gerne nachgestickt werden. Religiöse Symbolik: bei protestantischen Tüchern wurde die Bibel quasi Bild für Bild heruntergestickt, die Katholiken arbeiten mit Symbolen. Die Symbolsprache wird durchaus in der Literatur abgehandelt, gerade was die abstrakteren Muster angeht, deren Sprache heute nicht mehr verstanden wird. Die Ästhetik aber bleibt.

Kann dieses alte Handwerk auch heute noch attraktiv sein?

Freies Sticken ist gerade sehr populär, sowohl auf Einstiegsebene als auch in künstlerischer Hinsicht. Es gibt viele tolle KünstlerInnen, die dieses Medium für sich entdeckt haben, mit brillanten Ideen glänzen und eine neue Sicht auf die Stickerei ermöglichen.

Der Kreuzstich fristet derzeit eher ein Nischendasein. Aufgrund seiner Fadengebundenheit ist er weniger flexibel. Zudem hat er ein grundsätzliches Image-Problem, da er immer noch als einfallslose Grundtechnik angesehen wird. Auch ist der röhrende Hirsch auf Stramin gestickt noch nicht komplett aus dem Bewusstsein verschwunden. Ich bin aber optimistisch: der Kreuzstich ist wundervoll anpassungsfähig, hat eine bunte, wechselvolle Geschichte hinter sich und dem entsprechend auch eine Zukunft. Man muss ein bisschen zuwarten!

Wie stehst Du zu Deinem Frau-Sein, welche Frauenthemen liegen Dir besonders am Herzen?

Da ich in einer Familie groß geworden bin, in der alle Frauen eine grundsolide Ausbildung hatten, teils nicht verheiratet waren und dementsprechend Vollzeit ihr Leben lang tätig waren, waren für mich diese, für viele Frauen existenziellen Themen, nicht existent. Ungenügende Bildung, finanzielle Abhängigkeit und spätere Altersarmut kamen nicht vor. Es gibt viele Baustellen im Leben einer Frau, aber eine gute Ausbildung sowie ein halbwegs finanzieller Frieden helfen wirklich weiter. Die dickste Baustelle aber weiterhin bleibt: gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Bzgl. des leidigen Themas Frauen in den Künsten hat es Jane Austen in ihrer maliziösen Art kurz und knapp zusammengefasst: „Es ist mir unmöglich etwas zu Papier bringen, wenn ich den Kopf voller Hammelknochen und Rhabarber habe!“ Auch Mascha Kaléko wusste davon ein Lied zu singen in „Die Leistung der Frau in der Kultur“ https://www.maschakaleko.com/die-leistung-der-frau.  Ob um 1800, um 1940 oder heute: Hammelknochen allenthalben!

Woher holst du dir diese Energie, was sind Deine Kraftquellen?

Das trutschige Trio für den Alltag:  sticken, kochen, spazieren! Sticken, weil sich durch die wiederholende Bewegung und die Konzentration darauf eine sehr beruhigende Wirkung einstellt. Nach 20 Minuten steigt man langsam von jeder Palme herunter. Kochen, weil ich a) schmeckleckerisch bin und es b) die beste Aromatherapie ist, die es in „die-Welt-liebt-mich-nicht-Momenten“ gibt. Ein Spaziergang und frische Luft helfen, den Kopf klar zu bekommen. Man kann wieder denken, in dem man vielleicht an was ganz anderes denkt! Ansonsten bin ich kunstversessen und absolut bildersüchtig. Die ruhige, morgendliche Lektüre vor dem Aufstehen garantiert ebenfalls oft Gehirnnahrung vom Feinsten.

Hast Du Vorbilder, gibt es Menschen, die Dich inspirieren?

Da bin ich promiskuitiv unterwegs. Je nach aktueller Interessenslage interessiere ich mich auch für die Protagonisten/Innen, die auf diesem Gebiet prägend gewesen sind oder noch sind. Da schaut man genauer hin und kann viel für sich entdecken.

Lebensmotto:

„Dat löppt sick all torecht.“  – Das läuft sich alles zurecht“, die beruhigende Antwort eines erfahrenen Vaters an seine beunruhigte, mutlose Tochter, die sich gerade mit einem widerspenstigen Teenager (mich!) herumschlug. Vieles richtet sich tatsächlich von selbst, wenn man Sachen Zeit und Platz gibt.

Interview: Sissi Prader/Claudia Winkler

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