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Frauenmuseum | Museo delle donne

„Glaube nicht alles was du denkst“

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„Glaube nicht alles was du denkst“ – mit diesem Motto starten wir in das neue Jahr und stellen euch heute auch gleich die Frau vor, die hinter diesem Motto steht: Judith Hafner. Im Interview erzählt und die vielseitige #ichfraudesmonats Jänner von ihren Lebenserfahrungen, vielfältigen Arbeitsfeldern und Tätigkeiten sowie ihrem Engagement für verschiedene Projekte.

Judith, du bist im Projekt Æquitas zum Gleichstellungsaktionsplan der Provinz in der Arbeitsgruppe „Gewalt“ und hast beim „Dekalog gegen Gewalt an Frauen“ von De Pace Fidei mitgewirkt. Was hat dich bewogen dich in diesem Bereich zu engagieren?

Ich komme aus einer liebevoll behüteten Familie und hatte das Thema Gewalt bis zu meinem 29. Lebensjahr völlig ausgeblendet. Dann musste ich mit einem Schock begreifen, dass ein mir anvertrautes Kind sexuell missbraucht worden war, ohne dass ich das erkannt, geschweige denn verhindert hatte. Für meine Blindheit und die Vehemenz, mit der es Gewalt für mich einfach nicht gab, habe ich mich jahrelang schuldig gefühlt. Später, in Seminaren, wurde mir bewusst, wie viele Frauen und Männer mit Missbrauchserfahrungen leben müssen, weil ihnen niemand zu Hilfe kam. Heute will ich Räume mitgestalten, wo Gewalt und Missbrauch nicht mehr ausgeblendet und im Schamgefühl der Opfer versenkt wird.

Du hast jahrelang die Caritas-Projekte in Äthiopien begleitet und dich auch dort mit Gewalt auseinandergesetzt?

Ja, in Äthiopien habe ich viel gelernt. Dort ging es unseren Partnern um Kinderschutz in einem Land, in dem es üblich ist – wie früher bei uns – Kinder zu schlagen. Die Kleinen waren der Gewalt, leider oft auch sexueller, hilflos ausgeliefert. Ein äthiopisches Ehepaar, das in Addis Abeba ein Straßenkinderprojekt leitet, hat in den Schulen Workshops angeboten, die mich stark beeindruckt haben. Statt mit erhobenem Zeigefinger haben sie mit großem Feingefühl die Lehrkräfte in ihre eigenen kindlichen Erfahrungen geführt. Am Ende der Tagung flossen Tränen, jedes Mal. Durch dieses Ehepaar habe ich erkannt, wie sehr die eigene Betroffenheit Tore öffnet für den Schmerz von anderen.

Gleichzeitig hat dieses Kinderschutz-Programm in den Schulen eine den Kindern vertraute, leicht erreichbare und gut geschulte Ansprechperson eingeführt, um Gewalt aus dem Tabu zu holen. Allein die Gegenwart dieser Person war ein lebendes Zeichen, dass es Gewalt nicht mehr geben darf. Ich würde mir wünschen, dass es auch bei uns in jedem Dorf so eine niederschwellige, allen bekannte und hilfreiche Ansprechpersonen gäbe.

Judith und Mädchen aus Äthiopien
Foto: Judith Hafner
Du bist viel gereist, privat und aus beruflichen Gründen, was wahrscheinlich deinen Blick auf die Welt und das Leben verändert hat?

Meine Erfahrungen im Ausland haben mir gezeigt, wie unfassbar privilegiert ich bin. Ich war nicht nur imstande mein Leben aktiv zu gestalten. Meist war ich auch jene, die durch ihre Arbeit über Geldquellen verfügt. Ob als Einkäuferin in China oder später in der Entwicklungszusammenarbeit: ich war die Mächtige, so sehr ich mich um Augenhöhe bemüht habe. Hier hat mich das Thema Macht aus einer anderen Dimension beschäftigt. Erst beim Workshop „Exit Racism“ von Tupoka Ogette und Stephen Lawson, das ich zweimal besucht habe, wurde mir bewusst, wie schmerzhaft dieses Ungleichgewicht für die „andere Seite“ ist. Und wie sehr beide Seiten in dieser Dynamik gefangen bleiben, wenn wir nicht Worte dafür finden: für die unsichtbaren Wände und den ungeteilten Schmerz.

Was hat dich am stärksten geprägt?

Am stärksten geprägt haben mich die Frauen in Äthiopien, mit denen ich für die Caritas beruflich zu tun hatte. Bei jeder einzelnen habe ich mich gefragt, ob sie tatsächlich genitalverstümmelt ist, wie es die Tradition vorsieht. Schon beim Gedanken an die damit verbundenen Schmerzen, die niemals sichtbar sind, hat es mich schier zerrissen. Sie darauf anzusprechen hätte ihnen jede Würde geraubt. Diese Ohnmacht, diese unvermeidliche Stummheit und dieser einsame Schmerz machen mich heute noch traurig. Gleichzeitig fühle ich seither eine Verantwortung für das Kollektiv der Frauen. Ohne zu wissen, wie ich der je gerecht werden soll.

Judith mit Frauen in Äthiopien
Foto: Judith Hafner
Du wirkst sehr mutig und stark und strahlst viel positive Energie aus. Was gibt dir Kraft, Energie und wo kannst du tanken, wenn es zu viel wird?

Ich tanke viel im allein sein, auf langen und langsamen Spaziergängen, im Körper-Gebet sozusagen. Freundschaften pflege ich eher in Briefen als in gemeinsam verbrachter Zeit. Auch mein Ehemann ist einer, der mir ohne Worte Raum gibt. Jeden Morgen, zum Beispiel, hält er mich zehn Minuten still im Arm – bis das Teewasser kocht – und gewährt mir damit eine unverzichtbare Tankstelle. So frei wir einander lassen: wenn ich wirklich Trost brauche, ist seine Hand an meiner Wange das einzig Wirksame. Viel Kraft und Mut schöpfe ich auch aus der Verbundenheit mit meinen drei Schwestern, aus wenigen kostbaren Freundschaften und aus der Kerngruppe von fünf Frauen inklusive mir im Netzwerk für Nachhaltigkeit.

Das Netzwerk für Nachhaltigkeit ist vor zwei Jahren entstanden. Du warst von Anfang an dabei. Kannst du uns erzählen, wie sich dieses Netzwerk entwickelt hat? Welche positiven Erlebnisse waren für dich ausschlaggebend, hier so viel Zeit zu investieren?

Dass sich fast auf Anhieb über 80 Südtiroler Organisationen, Vereine, Verbände und Gruppen auf der Plattform future.bz.it rund um die 17 Nachhaltigkeitsziele eintragen würden, hätten wir nie erwartet. Heute sind es über 130. Was mich beflügelt, ist deren ehrliches, selbstloses Engagement für eine Wende, die noch so aussichtslos scheint. Die Sehnsucht und Stimmigkeit kleiner Projekte ist größer als die Ohnmacht, die uns suggeriert wird. Wenn wir hier eine gemeinsame Wirkkraft schaffen, erhebt sich die Vielfalt wie ein Vogelschwarm. Dann entsteht das kollektive „Ja“ zu neuen Entscheidungen, das wir so dringend brauchen. Dafür gebe ich gerne meine Kraft und meine Fähigkeiten.

Die Kerngruppe des Netzwerks für Nachhaltigkeit
Foto: Judith Hafner
Wen bewunderst du?

Ich bewundere die vier Frauen in unserer Kerngruppe, die sich mir im letzten Jahr unaufgefordert mit über 800 Ehrenamtsstunden zur Seite gestellt haben, als sie gemerkt haben, dass mich mein eigener Projektantrag überfordert.

Ich bewundere Elisabeth Brunner in Olang, die seit Jahren aus Liebe zur Natur auf ein Umdenken pocht.

Ich bewundere Frauen wie Edith Strobl und Irmgard Pörnbacher, die ohne viel Aufhebens Fäden ziehen und Netze knüpfen, aus dem Herzen heraus.

Ich bewundere auch meine Nichten, die sich der Käserei, dem Nähen, dem Seife machen und dem Kräutergarten widmen als sei das das Allernormalste der Welt.

Das macht mir Hoffnung.

Was ist so deine Lebensweisheit bzw. was ist dein Motto?

Ich liebe den Satz „Glaube nicht alles was du denkst“, weil er mich daran erinnert, wie wenig wir wissen über die sogenannte Wirklichkeit.

Judith Hafner und die SDGs (Sustainable Development Goals)
Foto: Judith Hafner

Im Event-Kalender von future.bz.it gibt es am 20. Jänner um 17.00 Uhr die Möglichkeit zu einem Online-Gespräch mit Judith Hafner zum Thema „Vertrauen statt Gewalt“. Sie möchte die Idee eines Pilotprojekts mit Frauen und Männern besprechen.

 

Interview: Sissi Prader

 

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