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KEIN Tag der Frau, oder: Pralinen führen nicht zur Revolution

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Wer auf diesen Blogbeitrag stößt, weiß wahrscheinlich, dass am kommenden Sonntag, dem 8. März, der Internationale Frauentag begangen wird. Ganz recht, der Internationale Frauentag, und eben nicht der Tag der Frau. Was wie ein kaum merkbarer grammatikalischer Unterschied wirken mag, birgt die Einsicht, dass es momentan zwei grundsätzliche Interpretationen und Begehens-Weisen dieses Tages gibt – und zwar eine legitime, richtige, und eine falsche, missverständliche, und potentiell gefährliche, wie ich hier behaupten will.

Von Wörtern geht eine enorme Macht aus, Sprache lenkt unser Denken und schlussendlich unser Handeln. Im Jahr 1975 erklärten die Vereinten Nationen den 8. März zu einem weltweiten Gedenk- und Aktionstag für Frauenrechte und Geschlechtergleichheit, zum „International Women’s Day“. Die einzig richtige deutsche Übersetzung davon ist „Internationaler Frauentag“. Es gebieten also schon allein die Regeln der korrekten Übersetzung diesen Begriff, und nicht den eines „Tages der Frau“. Aber hier hört es nicht auf.

Die Bezeichnung des „Tages der Frau“ wird gerne von Medien fragwürdiger Qualität und der Wirtschaft gebraucht. Es ist dies das sprachliche Symptom einer Kommerzialisierung und Entpolitisierung des Internationalen Frauentages. Er wird dabei verniedlicht, versüßt und individualisiert – es geht um die Frau, die ja so viel zu tun hat mit Arbeit und Familie, Vereinen, Ehrenamt und allem – da hat sie sich auch mal einen ordentlichen Blumenstrauß verdient, eine Flasche Sekt, eine Massage oder einen lustigen Abend mit ihren Freundinnen bei einer Ladies‘ Night im Cineplexx. Ratlose Schenkwütige sind gerettet dank Webseiten wie Internationalflora.com, wo man Blumengestecke mit farblich passendem Kuchen bestellen kann. Dank solcher Aufmerksamkeiten, wohl gerade von Männern, soll der „Tag der Frau“ angenehm sein, eine Flucht aus dem Alltag, ein kleiner Luxus.*

Genau wie die einzelne Frau mit Aussichten auf Blumen und Kuchen, wird auch das gesamte Frausein verniedlicht, versüßt und individualisiert. Dazu gehört das Wegradieren der stets und überall präsenten Formen von Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen. Eine andere Geschenks-Webseite, Mistergift.it, definiert den Internationalen Frauentag als Tag der Erinnerung an vergangene Entbehrungen, Opfer und Kämpfe. Als Anlass zum Feiern, weil wir das ja alles zum Glück überwunden haben. Abgesehen von den „bestimmten anderen Ländern“ wo Frauen immer noch nicht frei sind, versteht sich.

Ist natürlich alles Stuss – wir Frauen sind weit entfernt von Freiheit und Gleichheit, und zwar auf der ganzen Welt. Diese unschöne und schmerzhafte Wahrheit würde den angenehmen, verkäuflichen und unaufmüpfigen „Tag der Frau“ freilich vermiesen. Dabei ging es den Begründerinnen eines Internationalen Frauentages nicht um einen Wohlfühl- oder Genusstag. Weil Pralinen nicht zur Revolution führen. Bestrebungen nach sozialem Wandel und Gerechtigkeit sind kompliziert, anstrengend, unglamourös, schmutzig, streitig und kontrovers. Alles das, was einige mächtige gesellschaftliche Akteure Frauen bis heute nicht sein lassen wollen.

Bildquelle: Pixabay

Im frühen 20. Jahrhundert begannen Frauen aus dem linken politischen Spektrum in Europa, einen internationalen Frauentag ins Leben zu rufen. Vor dem ersten Weltkrieg sollte er v.a. eine Bühne sein für die Kampagnen für das Frauenwahlrecht, in der Zwischenkriegszeit ging es verstärkt um kürzere Arbeitszeiten ohne Lohnabschläge, Lebensmittelpreise, regelmäßige Schulausspeisungen und legale Abtreibung. Die Wichtigkeit und Legitimität eines Frauentages mussten von den Pionierinnen an allen Fronten bewiesen und verteidigt werden, auch innerhalb der eigenen Reihen. So berichtete die deutsche Politikerin Clara Zetkin (Sozialdemokratische Partei Deutschlands, später Kommunistische Partei Deutschlands): „dass in manchen Parteikreisen noch eine ziemliche Abneigung besteht gegen den Frauentag“. Aufgrund seiner zum Großteil sozialistischen Wurzeln war der Frauentag während der NS-Zeit im Deutschen Reich verboten. Unter erheblichen Risiken wurde er von einigen geheim begangen, und somit zu einem Symbol für Widerstand. Um das Begehen des Tages subtil auszudrücken, hing man z.B. rote Wäsche aus Fenstern oder auf Balkonen, zum „Auslüften“. In Italien hatten linke Politikerinnen, teilweise ehemalige Partisaninnen, das Verschenken von Mimosen zu einem Frauentags-Brauch gemacht – die Verteilung der erschwinglichen und saisonalen Blume galt jedoch in den 50ern zu Zeiten der Scelba-Regierung als „Störung der öffentlichen Ordnung“. Später mussten Politikerinnen wie Luisa Balboni, Giuseppina Palumbo und Giuliana Nenni für ihre Initiative zur Einführung eines Frauentages politische Rückschläge einstecken.

Kurzum: der Internationale Frauentag ist genauso wenig selbstverständlich wie die Rechte, Freiheiten und Chancengleichheit von Frauen es sind. Für beides wurde hart gekämpft, und beides muss weiterhin verfochten werden. Auch gegenüber „Feinden“ in Form von rosa Geschenkkörben. Das Begehen des Internationalen Frauentages war ursprünglich eine Kampfansage an das Patriarchat und zum Großteil auch gegen den Kapitalismus, und das muss er auch bleiben, sofern er einen echten Sinn und seine Legitimität behalten soll.

Bildquelle: Pixabay

Das heißt natürlich nicht, dass der 8. März nicht angenehm sein darf, oder dass Spaß an dem Tag verboten ist. Ich werde nach der Demonstration bestimmt mit meinen Mitstreitenden darauf anstoßen, und wenn es die Energiereserven erlauben, den Abend tanzend ausklingen lassen. Nur eben nicht im Rahmen einer Ladies‘ Night, wo am Ende noch „Blurred Lines“ aus den Lautsprechern dröhnt.** Aktion, Widerstand, Befreiung, und Freude und Unterhaltung schließen sich zum Glück nicht aus. Was zählt ist, dass das erstere am 8. März im Mittelpunkt steht, und dass wir nicht zulassen, dass dieser Kampftag zu einem zweiten kommerzialisierten Muttertag oder Valentinstag degradiert wird. Dass wir alle den Tag so gut wie möglich nutzen, um Frauen als eine Gemeinschaft wahrzunehmen, die verbunden ist durch eine Geschichte der Unterdrückung und Diskriminierung; um uns mit Frauen weltweit zu solidarisieren; um Neues zu lernen und über wichtige Themen und Fragen nachzudenken, entweder im stillen Eigenstudium, oder auf einer der unzähligen Veranstaltungen, Workshops, Kinoabende, Theaterstücke oder Diskussionsrunden, die erfreulicherweise angeboten werden. Und natürlich, um sich Gehör zu verschaffen.

Noch eine Botschaft an Männer: Wenn ihr uns eine Freude machen wollt, schenkt uns bitte keine Blumen (ausgenommen Mimosen, aus soeben genannten Gründen) oder pinke Kitschpralinen zum Internationalen Frauentag. Nutzt den Tag, um bessere Verbündete zu werden, unterstützt die feministische Bewegung, hinterfragt eure sozialen Privilegien und Stellungen, bildet euch in der Hinsicht fort, stellt uns Fragen und hört uns zu.

Bildquelle: Pixabay

*Hier ist besonders interessant, dass die offizielle italienische Bezeichnung als „Giornata Internazionale della Donna“ angeführt ist, also im Singular. Eine ähnliche degradierende Bezeichnung wie im Deutschen scheint es mit der Bezeichnung des „Festa della Donna“ zu geben – es scheint als hätte diese ähnliche Konnotationen wie der „Tag der Frau“.

** Der Liedtext ist hochgradig frauenfeindlich.

 

Lisa Settari

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