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Waist beads – ein Schmuckstück mit Historie

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Gestern war Neumond und deshalb ist es wieder Zeit für einen Beitrag der Rubrik #tanterosa. Heute erzählt uns Aida Fattah – auch bekannt als SankofaDoula – in einem Gastbeitrag über die Tradition der Waist beads aus ihrem Heimatland Ghana.

Aida Fattah / SankofaDoula
Photo Credits: Yohana Papa Onyango

Ich nehme euch mit auf einen typischen Markttag nach Accra, der Hauptstadt von Ghana (Westafrika). Wie auf vielen anderen typischen Märkten in Afrika finden wir hier alles, was der Mensch zum Leben braucht.
Es gibt frisches Obst und Gemüse, getrockneten Fisch und frisches Fleisch. In einem Abteil des Marktes finden wir alltagsübliche Gegenstände, die in jedem Haushalt benötigt werden. Wir finden dort die für Ghana typischen schwarzen Tonschüsseln und Töpfe.
Sogar die schwarze Seife, die über das Land hinaus bis zu uns nach Europa bekannt ist.

Auf diesem großen Markt schlendern wir durch ein Abteil, das jedem Mädchen und auch jeder Frau in jedem Alter ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.
Dieses Abteil nennen wir hier einfach mal: das Abteil, das unsere Schönheit unterstreicht.
Wir finden hier verschiedenste Stoffe, die im nächsten Raum gleich zu einem Kleidungsstück eurer Wahl geschneidert werden.
Die Stoffe sind bunt, was typisch für Ghana ist. Das bekannte Stick- bzw. Druckmuster nennt sich Kente.
Dazu finden wir Schmuck, so weit das Auge reicht.
Wir sehen Ohrringe und Halsketten, Armbänder und Oberarmbänder.

Was in diesem Abteil auffällt: wir sehen immer wieder Frauen, die auf dem Boden sitzen und die sich miteinander austauschen, lachen und gleichzeitig verschiedenste bunte, kleine und große Perlen auf eine lange Schnur fädeln.
Diese Schmuckstücke sind keine Halsketten, sondern Bauchketten.
In Ghana werden sie Waist beads genannt, wörtlich übersetzt: Taillenperlen.

Und um diese Bauchketten geht es heute.

Photo Credits: Yohana Papa Onyango

Die Tradition, diese Ketten um den Bauch zu tragen, geht Jahrhunderte zurück.
Zu einer Zeit, als die Naturvölker Afrikas noch unberührt waren.
In dieser Zeit, in der es noch verschiedene kleine Stämme gab und die Menschen mit einfachsten Mitteln ihr Leben lebten.
Eine Zeit, als die Menschen sich großteils nicht bedeckten und den ganzen Tag nackt waren.
Ich sage bewusst großteils, weil es auch bestimmte Zeiträume gab, in denen vor allem die Frauen sich ein wenig bedeckten.
Es ist die Zeit der Menstruation.

Um das fließende Blut aufzufangen, wurden teilweise Ziegenfell und auch Einlagen verwendet, die aus verschiedensten Pflanzenfasern gemacht wurden. Um diese Naturbinden um den Intimbereich der Frau zu befestigen, war es üblich, ein langes Stück Leder um die Hüfte zu binden, das die großen Binden gut festhielten (eine Art Gürtel).

Die Menschen empfanden schon zu dieser einfachen Zeit sehr große Freude daran, sich mit Muscheln und aus Ton gemachten Perlen zu schmücken.
So entstand sehr schnell die Idee der Frauen, dieses Lederband, das seinen monatlichen Zweck tat, zu verschönern.
Sie befestigten Muscheln, kleine Holzstücke und Tonperlen an diesem Band.
Es entstand ein Schmuckstück für die Frau.

Headmann Kapika´s Frau und Tochter vom Stamm der Himba in Namibia.
Photo Credits: Hans Stieglitz, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Headman_Kapikas_Frau_und_Tochter.jpg

Mit der Zeit wurden die Länder Afrikas mehr und mehr kolonisiert. Die Menschen in Ghana lernten von den Europäern sich zu bedecken und die Entwicklung der Länder wurde immer mehr vorangetrieben. Die Unterwäsche wurde eingeführt. Doch unter den Frauen blieb die Freude daran, sich mit diesem Lederband weiterhin zu schmücken, um ihre Erinnerung an die Tradition und das Frausein zu behalten.

Englisch ist die Amtssprache in Ghana und so entstand mit der Zeit der Namen dieses Schmucksstücks: Waist beads.
Im Laufe der Zeit entstand aus Einfachheit die Idee, das Lederband gegen eine Schnur auszutauschen. Die Perlenvielfalt wurde mit Glasperlen erweitert.
Als Geschenk an ihre Weiblichkeit wurde es üblich, schon neugeborenen Mädchen Bauchketten umzubinden.
Das Kreieren und der Verkauf der Bauchketten ist eine wertvolle Einnahmequelle für die Frauen in Ghana.

2 Frauen des Stammes der Himba in Namibia mit ihren Babies. Photo Credit: Supertangeni, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Himba_ladies_with_babaies.JPG

Die Waist beads kann man an jeder beliebigen Stelle des Bauches tragen.
Obwohl sie Waist beads heißen, ist es üblich, sie an der Hüfte zu tragen. Sie auf der Höhe der Gebärmutter zu tragen, gibt der Bauchkette, wie ich finde, noch eine segnende Bedeutung dieses Raumes.
Es ist aber jeder Frau selbst überlassen, die für sie passende Höhe der Ketten zu finden.
In Ghana wird auch das Körpergewicht durch die Bauchketten kontrolliert. Die Frauen scherzen und meinen, sie müssen wieder mal auf ihrer Figur achten, da ihre Ketten mehr einschnüren oder nach oben rutschen.
Traditionell werden die Bauketten mit festen Knoten um den Bauch gebunden.
Sie sind dadurch nicht abnehmbar.
Wenn eine Bauchkette reißt, sucht man sich einfach wieder eine neue auf dem Markt aus.
Bei einer Schwangerschaft rutscht die Bauchkette einfach nach oben und macht Platz.

Der Aspekt der Sinnlichkeit der Waist beads ist auch nicht zu unterschätzen.
Frauen berichten davon, wie ihre Männer die Ketten um den Bauch äußerst schön finden. Denn sie schmeicheln ihrer Weiblichkeit. Auch Frauen, die ihren Bauch eher als Problemzone ansehen, empfinden es oft sehr befreiend, Bauchketten zu tragen. Sie geben ihnen einen anderen Blickwinkel auf diesen Teil ihres Körpers.
Waist beads zu tragen erinnert junge Mädchen daran, ihren Körper, speziell ihren Schoßraum, zu ehren und zu lieben.

Photo Credits: Yohana Papa Onyango

Durch die Nutzung von sozialen Medien sind die Waist beads in den letzten Jahren bekannter geworden. Es gibt sie jetzt in verschiedensten Varianten.
Frauen verbinden oft die Farben der Perlen mit den Farben der unterschiedlichen Chakren und entscheiden sich dann, welche Bauchkette sie tragen möchten.
Jede Frau, die eine Bauchkette kreiert, lässt ihrer Kreativität freien Lauf.
Es wird außerdem immer populärer, die Ketten mit einem Verschluss zu versehen.

Für mich ist es immer wieder spannend zu sehen, welche Parallelen verschiedenste Kulturen haben. Vor allem zu einer Zeit, in der es keine Globalisierung gab.
Wir finden in Ägypten gezeichnete Bilder von Frauen, die ein verziertes Band um die Hüfte tragen, das den ursprünglichen Bauchketten ähnelt.
Auch in Ostafrika, bei dem Stamm der Himba in Namibia, werden Bauchketten getragen. Dort wird eine mit Perlen aufgewickelte Lederschnur um die Hüfte getragen. Wie in Ghana tragen sie auch schon neugeborene Mädchen.

Photo Credits: Wikimedia Commons

Waist beads zu tragen ist für mich ganz persönlich ein Geschenk an meine Weiblichkeit. Ich fühle mich dadurch meinen Ahn*innen verbunden und gebe diese Tradition an meine Kinder und Enkelkinder weiter.
Sie schützt meine Gebärmutter und erinnert mich täglich daran, das Frausein zu lieben und zu leben.

Aida Fattah

 

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