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Frauenmuseum | Museo delle donne

Keine Französische Revolution ohne Frauen

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Heute vor 232 Jahren – am 14. Juli 1789 – wurde in Paris die Bastille erstürmt. Dieser Sturm auf die königliche Festung, die als Gefängnis und Waffenlager diente, markiert den Beginn der Französischen Revolution. Einer Revolution des Volkes gegen Armut und Ungerechtigkeit und für eine freie Gesellschaft mit gleichen Rechten bzw. Menschenrechten für alle.

Aber wer genau waren diese „alle“?

Mit dieser Frage beschäftigen wir uns am Beginn unserer Dauerausstellung im Frauenmuseum in Meran. Die vielen verschiedenen Ereignisse und Neuerungen im Jahrzehnt der Französischen Revolution (1789-1799) haben die Gesellschaftsstruktur in Europa maßgeblich verändert und prägen sie in weiten Teilen bis heute.

Der bekannte Leitspruch der Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – öffnet gleich zu Beginn die Frage: und was ist mit Schwesterlichkeit bzw. den Frauen?

In der klassischen Geschichtsschreibung wird die Eroberung der königlichen Bastille durch Männer zum Mythos, obwohl sie keine wesentlichen Ergebnisse bringt. Eine entscheidende Wende im Revolutionsgeschehen wird allerdings im Oktober 1789 durch Frauen bewirkt. Mit dem Schlachtruf „Versailles schlemmt, Paris hungert“ ziehen am 05. Oktober 1789 ca. 6.000 Marktfrauen zum königlichen Schloss nach Versailles. Die bewaffneten Frauen bewegen mit ihrem „Brotaufstand“ den König dazu, mehr Lebensmittellieferungen zu gewährleisten, die Adelsprivilegien aufzulösen und die vorgelegten Menschen- und Bürgerrechte zu unterzeichnen. Die Frauen bleiben über Nacht, drängen am nächsten Morgen ins Schloss und zwingen den König, nach Paris umzuziehen.

Bildquelle: Wikimedia Commons

Frauen gestalteten aktiv die Revolution, kämpften freiwillig in der Armee, beteiligten sich an Protestmärschen und trafen und organisierten sich in Frauenclubs. Nichtsdestotrotz wurden sie von neu erkämpften Menschenrechten ausgeschlossen. Die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“‚ der Revolutionsregierung setzte nämlich den „Menschen“ mit dem „Mann“ gleich.

Die Hoffnung der Frauen auf eine Verbesserung ihrer Situation durch die Französische Revolution war dadurch (vorübergehend) zerschlagen bzw. führte notgedrungen zu einem weiteren Engagement der Frauen. So hat z.B. Olympe de Gouges eine „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ verfasst. Diese Erklärung, die sich Artikel für Artikel an der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte abarbeitet, stellt einen Entwurf für gleiche Menschenrechte für Männer und Frauen dar. 1793 wurde Olympe de Gouges für ihre revolutionären und kritischen Werke hingerichtet.

Bildquelle: Archiv Frauenmuseum, Meran
Bildquelle: Archiv Frauenmuseum, Meran

Die Verbesserungen, die 1792 und 1793 für Frauen erreicht wurden, wie z.B.:

  • Reform des allgemeinen Eherechts: Frauen dürfen erst mit 21 Jahren (und nicht schon mit 16 Jahren) heiraten. Nicht mehr die Kirche ist für die Ehe verantwortlich, sondern der Staat.
  • Reform des Scheidungsrechts: Frauen dürfen sich jetzt auch scheiden lassen – viele tun das!
  • Reform des Erbrechts: Frauen dürfen den Familienbesitz selbstständig verwalten und auch an Mädchen oder uneheliche Kinder vererben.

sind leider nur von kurzer Dauer. Bereits 1804 hebt Napoleon alle Gesetzneuregelungen für die Frauen auf. Per Zivilgesetz werden sie einem männlichen Vormund unterstellt. Frauen sind damit schlechter gestellt als vor der Revolution.

Bildquelle: Pixabay

Weder die Erklärung der Menschenrechte war auf ALLE Menschen bezogen, noch ist es unsere Geschichtsschreibung.

Die Geschichte der Frauen in der Französischen Revolution wurde vergessen bzw. unsichtbar gemacht – wussten Sie vom Marsch der Frauen nach Versailles und seiner Bedeutung für die Revolution? Oder dass Olympe de Gouges und ihre Werke erst in den 1970er (!) Jahren von feministischen Wissenschaftlerinnen wiederentdeckt wurden?

Oder haben Sie schon einmal von der Haitianischen Revolution gehört? Zeitgleich zur Französischen Revolution fand Tausende Kilometer von Paris entfernt ein Aufstand statt, der die Menschheitsgeschichte genauso hätte prägen können. Auf Haiti, damals eine französische Kolonie, erhoben sich zum ersten Mal erfolgreich Sklaven gegen ihre Herren und Kolonialisten. Doch über die Revolution im heute ärmsten Land Lateinamerikas zeigen Schul- und Geschichtsbücher, Museen oder Dokumentationen wenig bis nichts.

Die als großer Sieg und Fortschritt gefeierte und überlieferte Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte galt weder für Frauen, noch für die versklavten Schwarzen Menschen und People of Color auf Haiti. Die Geschichtsschreibung erinnert die Französische Revolution, ihre Forderung nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte dennoch als große Errungenschaft.

Stellt sich mir die Frage was genau die Errungenschaft sein soll bzw. für wen… Erzählt und erinnert wird die Geschichte von weißen europäischen Männern. Der Kontinent wird zum einzig relevanten Schauplatz und die europäische Geschichte als große Erfolgsgeschichte dargestellt. Die Geschichte_n der Frauen, Schwarzer Menschen und People of Color werden hingegen verdrängt, ignoriert und vergessen.

Dem müssen wir entgegenwirken! Für eine vielfältigere Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung!

 

Yvonne Rauter

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